(Vorsicht, Spoiler!)
Mit dieser Frage zeigt Hilfssheriff Lyedecker (Jim Brown), der sich in die Wirren des mexikanischen Bürgerkrieges begibt, um einen flüchtigen Bankräuber dingfest zu machen, daß er die Vorurteile vieler Texaner bezüglich ihrer Nachbarn jenseits der Grenze teilt. Ist die obige Beobachtung noch dazu angetan, als süffisante Übertreibung zu belustigen - zumal Lyedecker später selbst ganz unversehens von der Bevölkerung zum General erhoben wird -, so sind seine wiederholten Schmähungen der "scruffy Indians" schon weniger geeignet, ihn als sympathischen Helden dastehen zu lassen. Hinzu kommt, daß sein Credo "What your job is ain't important, but rather how you do it" auch eine recht unangenehme Interpretation zuläßt und daß Yaqui Joe (Burt Reynolds), der Bankräuber, den Lyedecker unbedingt in die Vereinigten Staaten zurückbringen möchte, gar nicht mal so schurkisch ist. Aber da gibt es ja auch noch die ziemlich beachtliche Sarita (Raquel Welch), die Lyedecker eventuell zum Umdenken bringen könnte.
Tom Gries' Western "100 Rifles" (1969), in Spanien gedreht, vereint - der Vorspann und der von Jerry Goldsmith (u.a. "Chinatown" und "The Sand Pebbles" [1]) komponierte Score lassen es erahnen - Elemente des Spaghetti-Western mit denen der amerikanischen Urform. "100 Rifles" erzählt die Geschichte zweier ungleicher Männer - des Hilfssheriffs, der - weniger aus Pflichtgefühl, sondern vielmehr in dem Bemühen, einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu finden - eine Aufgabe erfüllen will, und des Bankräubers Joe, der, aus einem höheren Pflichtgefühl seinen verfolgten Stammesgenossen gegenüber, das Gesetz gebrochen hat. Mit dem geraubten Geld hat Yaqui Joe nämlich die titelgebenden 100 Gewehre gekauft, mit denen er den Kampf der Yaqui-Indianer gegen das mexikanische Militär - und den mit diesem verbündeten amerikanischen Kapitalisten - unterstützen will. Von den teils recht hanebüchenen und skurrilen Einfällen, mit denen das Drehbuch aufwartet, darf man sich nicht ablenken lassen: Im Zentrum stehen sowohl eine recht bittere Kapitalismuskritik und eine Abrechnung mit Vorurteilen.
Es wird recht schnell deutlich, daß Lyedeckers Motiv nicht etwa abstraktes Gerechtigkeitsstreben ist, sondern daß er sich darum bemüht, als Afroamerikaner Fuß in der amerikanischen Gesellschaft zu fassen, in der er sich erst beweisen muß. Zwar hat er dies früher bereits getan - bezeichnenderweise, indem er als Kavallerist für die Weißen "böse Indianer" gejagt hat -, doch scheint dies nicht gereicht zu haben, ihn völlig zu etablieren. Indem sich Lyedecker zum Handlanger der Mehrheitsgesellschaft macht, ihre Vorurteile übernimmt und sich nicht darum kümmert, welche Seite in dem Konflikt zwischen dem mexikanischen Militär und den Yaqui-Indianern im Recht ist, ist er - so wie es Yaqui Joe schon sagt - wirklich dumm. Erst der Überfall der mexikanischen Soldaten auf ein Yaqui-Dorf und das darauf folgende Massaker bringen Lyedecker dazu, seine Position zu überdenken und in den Indianern Menschen zu sehen.
Letzten Endes wird er für diesen Sinneswandel dann auch durch die Zuneigung der schönen Sarita (Raquel Welch ist hier wirklich verteufelt schön, wenn ihre Neigung zum Overacting auch ein wenig nervt) belohnt, und Gries konfrontiert die (zeitgenössischen?) Zuschauer denn auch mit ihren etwaigen eigenen Vorurteilen, indem er als einer der ersten Regisseure eine Liebesszene zwischen einem dunkelhäutigen Mann und einer weißen Frau - hier dramaturgisch getarnt als Mexikanerin - zeigt, eine Szene, in der sich die Frau mit entfesselter Leidenschaft hingibt. Freilich relativiert sich Gries' emanzipatorischer Impetus auch wieder - zum einen durch das Ende des Filmes, zum anderen dadurch, daß er es vermeidet, den Amerikanern ihren eigenen Umgang mit den Ureinwohnern vorzuführen, und statt dessen das mexikanische Militär als Instrument des Völkermordes darstellt.
Ungeachtet dessen - der gewiefte Kapitalist, der vom Völkermord profitiert, [2] ist ein Amerikaner, und er versteht es geschickt, sich bei der siegreichen Seite, gegen die er eben noch gekämpft hat, seiner Unentbehrlichkeit zu versichern. Auch die Kirche als Steigbügelhalterin der Macht kriegt in diesem Film ihr Fett weg - in der Person eines debil wirkenden Pfaffen, der von Joe auf die salbungsvolle Anrede "Mein Sohn" die Antwort bekommt, er sei nicht sein Sohn, doch wahrscheinlich liefen dort draußen einige ärmliche Kinder herum, auf die dies zuträfe.
So kommt "100 Gewehre" denn als ein in großen Teilen zynisch-kritischer Film daher, der dann doch an der einen oder anderen Stelle einen Rückzieher macht. Dennoch ist dieser Western auch wegen seiner Spannung und seines Bleigehaltes empfehlenswert.
Koch Media liefert u.a. die üblichen Trailer sowie neben der Originalfassung auch eine deutsche und eine italienische Tonspur. Diesmal gibt es zudem englische Untertitel.
[1] Soviel ich weiß, komponierte Goldsmith auch die Titelmelodie zu der Familiensaga "The Waltons".
[2] Bezeichnenderweise hängen am Anfang des Filmes die Leichen aufgeknüpfter Indianer an Telegraphenmasten entlang der Bahnlinie, so daß man die Botschaft herauslesen kann, daß es vor allem die Expansion des weißen Mannes, die aus Profitgier gespeiste Moderne ist, die die Yaqui vernichtet. Und auch am Ende des Filmes, beim Wegzoomen der Kamera, treten unheilvoll - noch leere - Telegraphenmasten ins Blickfeld.