Diesem Buch kann ich völlig uneingeschränkt 5 Sterne geben. Es ist das mit Abstand beste Buch, welches ich bislang im Herbst 2010 gelesen habe.
"Wesley oder wie eine Eule meine Herz eroberte" hatte ich - nur aufgrund des Klappentextes - als Geburtstagsgeschenk für einen sehr verständigen Tierfreund ausgesucht. Beim Probelesen der ersten zwei Seiten wußte ich bereits, dass ich dieses Buch erst einmal selbst lesen wollte bzw. selbst lesen musste!!
Es ist auf 288 Seiten mit sehr einer einfachen Herzenswärme geschrieben und es erzählt von einer realen, tiefen, verständigen Liebe zwischen einem Eulenmännchen und einer Menschenfrau. 19 Jahre hat sie gedauert, bis Wesley - in Menschenjahren hochgerechnet- mit 120 Jahren verstarb. Es gab viele berührende Momente, einer hat mich besonders bewegt:
Als Wesley im Greisenalter einen immer stärker wachsenden, verhornten Schnabel bekam brachte ihn das beim Verzehr von Mäusen in lebensbedrohliche Situationen, da er seinen Schnabel nicht mehr aus den toten (gefrorenen) Mäusen heraus bekam und so zu ersticken drohte. Der Schnabel musste abgefeilt werden, in jüngeren Jahren machte Wesley das selbst, nun hatte er keine Kraft mehr dazu. Zugleich hatte er sehr viel Angst vor der Feile und dem Geräusch des Feilens (denn Eulen haben ein außerordentlich gutes Gehör - es ist viel besser als ihre Sehkraft ausgebildet).
Die Autorin und Protagonistin Stacey O'Brien hat über mehrere Wochen lang mit Wesley über die Wichtigkeit des Feilens gesprochen. Sie hat sich in seiner Gegenwart ihre Fingernägel gefeilt, sie hat an seinem eigenen Stehplatz gefeilt, sie hat ihm immer wieder gesagt, dass es nicht weh tun würde. Schließlich hat sie behutsam mit einem kommunikativen Countdown angefangen.
"In zwei Tagen feile ich Dir den Schnabel. Es wird nicht weh tun. Morgen feile ich ... Heute feile ich ... In zwei Stunden feile ich ... Jetzt feile ich ..."
Und das Unglaubliche ist passiert. Wesely hat verstanden, was Stacey O'Brien ihm sagen wollte. Sie durfte ihm ohne Angst oder Murren, ohne Gewaltattacken seinerseits und ohne Zwang ihrerseits seinen Schnabel feilen. Jene Sätze, die die Autorin dazu schreibt sind für mich der Inbegriff jeder respektvollen Liebe zweier Lebewesen zueinander- ganz gleich welcher biologischen Art auch immer sie sein mögen.
"Ich hätte Wesley meinen Willen aufzwingen können, aber das hätte das Vertrauen zwischen uns zerstört. Weil ich mir die Zeit nahm mit ihm zu kommunizieren, erkannte er, dass ich nichts tun würde, ohne ihn vorher zu fragen. Ich hatte ihm erlaubt, Teil des Prozesses zu sein und seine Würde zu wahren. Unsere Beziehung änderte sich. Diese gemeinsame Erfahrung stärkte das Vertrauen zwischen uns." (S.252)
Die Essenz des Buches ist eben so genial-schlicht, sowie auch der gesamte Stil des Buches genial-schlicht oder besser gesagt schnörkellos-schön gehalten ist.
Tiere aller Art werden nicht nur durch ihre Instinkte gesteuert, sie sind ebenso mitfühlende und auch mitdenkende Lebewesen wie wir, mit einer individuellen Intelligenz und einem individuellen Charakter. Weitere Tier-Forschungen, da ist sich O'Brien sicher, werden in ein paar Jahrzehnten unser jetziges Verständnis von Tieren als "finsteres Mittelalter" ( S. 278) dastehen lassen.
Dieses Buch ist ein Gewinn für alle Tierfreundinnen und Tierfreunde sowie für jene, die es werden wollen. Ich bin sehr froh es vor dem Einpacken als Geburtstagsgeschenk doch noch gelesen zu haben. Überhaupt werde ich in Zukunft nur noch Bücher verschenken, deren Inhalt mir bekannt ist. So macht Schenken gleich doppelt so viel Spaß...