Jeder, der Goehtes Werther liebt, kann Massenet und seinen Librettisten eigentlich nicht verzeihen, dass sie aus Lotte eine sentimentale Heulsuse und aus Werther einen weinerlichen Waschlappen gemacht haben.
Lottes Reiz, der auch durch Jahrhunderte hindurch noch wirkt, liegt gerade in ihrer natürlichen Unbefangenheit, der jede Spur von Sentimentalität abgeht. Gerade ihre praktische Nüchternheit, kombiniert mit ungekünstelter Herzlichkeit und verständigem Mitgefühl wirkten auf den jungen Goehte so unwiderstehtlich. Zudem war sie moralisch absolut integer und souverän, hätte Werther, wenn sie ihn überhaupt geliebt hat, nie diese Liebe gestanden wie sie es in Massenets Oper tut.
Doch sei's drum. Man muss die Oper nehmen als das, was sie ist, und die zahlreichen musikalischen Schönheiten können einen bis zu einem gewissen Grade damit versöhnen.
Allerdings ist auch in Massenets Oper das entscheidende die Chemie zwischen Charlotte und Werther und die stellt sich, zumindest für mein Gefühl, nicht her. Sophie Koch singt solide, doch fehlt ihr leider jedes Charisma, jeder jugendliche oder erotische Reiz, der der ganzen theatralischen Aktion genügend Fallhöhe geben könnte.
Der Star der Produktion ist natürlich Villazon und in gewisser Weise ist es eine Rolle genau für ihn, mit seinem glühendem Herzen und seinem mitreissenden Temperament. Doch wirkt seine outrierte Aktion auf Dauer doch ermüdend und monochrom. Man sehnt sich ab einem gewissen Punkt nach einem psychologischem Kontrast zum ewigen Geschmachte.
Dass Villazon auch auf dem Cover alleine ist, ist bezeichnend. Doch eine Liebesgeschichte als one man show kann eben einfach nicht funktionieren.
Auch der Rest der crew ist leider zweitklassig, die Nebenrollen lassen einen gleichgültig und das Dirigat des ubiquitären Pappano hat zwar durchaus Schwung, doch fehlt es ein wenig an Gespür für französisch klangliches Raffinement.
Es ist immer ein wenig müßig auf die berühmten frühen Massenet Aufnahmen mit Georges Thill und Ninon Vallin zu verweisen, doch wer diese Aufnahmen kennt, in ihrer Schlankheit, Klarheit und idiomatischen Natürlichkeit, dem kommen alle neueren Massenet Aufnahmen dröge, klebrig und dick aufgetragen vor.