Begleitend zum viel beachteten ZDF-Dokumentarfilm "Der Raketenmann" verfasste einer der Autoren der Sendung, Stefan Brauburger, die Biographie "Wernher von Braun - ein deutsches Genie zwischen Untergangswahn und Raketenträumen".
Zunächst ist zu bemerken, dass der Historiker Michael J. Neufeld, dessen umfassendes Standardwerk zum Leben und Wirken Wernher von Brauns vor einigen Monaten auch in deutscher Sprache erschienen ist, auch Fachberater und Mitwirkender des Fernsehfilms war. So ist nachvollziehbar, dass sich auch das Begleitbuch zur Fernsehdokumentation u.a. auf seine Forschungen stützt, was Autor Stefan Brauburger in seiner Danksagung auch ausdrücklich anmerkt. Und dennoch handelt es sich um sehr unterschiedliche Bücher.
Während der in Washington angesiedelte Historiker ein fast 700 Seiten umfassendes und sehr detailliertes Werk vorgelegt hat, verfolgt das deutlich schlankere Buch zur Fernsehsendung das Ziel, vielfältige Forschungsergebnisse vergangener Jahrzehnte zu bündeln und für ein breiteres Publikum darzustellen. Brauburgers Buch stützt sich dabei neben eigenen Recherchen auch auf zahlreiche für den Film geführte Interviews mit Wissenschaftshistorikern, engen Wegbegleitern Wernher von Brauns, Überlebenden der Raketenangriffe und ehemaligen Zwangsarbeitern beim Raketenbau - sowie auf erst in jüngerer Zeit erschlossene Dokumente (die z.T. auch im Film gezeigt wurden).
Durch eine klare und flüssige Sprache, den systematischen Aufbau sowie die Dramaturgie des Textes ist die Publikation eine fesselnde Lektüre. Neben den ereignisgeschichtlichen Darstellungen versetzen mitunter originelle Interpretationen, Analysen und Diskussionen den Leser in die Lage, die Figur Wernher von Braun im Kontext des "schönen und schrecklichen" 20. Jahrhunderts, wie Brauburger schreibt, zu begreifen - als Menschen, der wie kaum ein anderer Höhepunkte und Abgründe seines Zeitalters in einer Person verkörpert.
Der Aufbau des Buches folgt der Chronologie des Werdegangs. Doch wie schon die Anlage der Gliederung zeigt, dienen die historischen Etappen jeweils der Fokussierung auf wesentliche thematische Schwerpunkte, Schlüsselmomente und kontroverse Aspekte. Sehr leserfreundlich und gut aufeinander abgestimmt sind die ausführliche Einführung und der prägnante Schlussteil. Zu Fragen, die am Anfang stehen, findet der Leser am Ende des Buches überaus anregende Erklärungsmuster - ob zu den Entscheidungsmomenten in der Karriere von Brauns, zu Handlungsspielräumen und Zwängen im jeweiligen historischen Umfeld, aber auch zum Verhältnis von Technik und Moral, Wissen und Macht, Verantwortung und Verdrängung, Kosten und Nutzen des Fortschritts.
Schon mehrmals diente das faustische Motiv als Deutungsmuster für prominente Karrieren in der Hitlerzeit. Brauburger legt plausibel dar, dass man von Braun nicht nur als einen Verführten, sondern auch einen Verführer, als "Mephisto", sehen kann - und ebenso als "Zauberlehrling" - wie sich der Raketenpionier in der Rückschau selbst hin und wieder bezeichnete.
Der Autor geht auch dort über Neufelds Darstellungen hinaus, wo er kritisch hervorhebt, dass der Weg der Raketen-Technik von Brauns eben nicht nur zum Mond führte, sondern auch in die Rüstungsspirale des Kalten Krieges. Der Glaube des "Raketenmannes" an die Vernichtungskraft nuklearer Raketen als ultimatives Abschreckungsmittel - möglichst bei einer Übermacht der USA - zeigte spätestens in der Kubakrise 1962, als die Welt für einen Moment am nuklearen Abgrund stand, seine fragwürdige und hoch riskante Seite.
Brauburger beschreibt auch, wie die Wahrnehmung der Vergangenheit von Brauns nie nur eine Frage des verfügbaren Wissens um seine Vita war, sondern auch von den jeweils zeittypischen Mechanismen von Geschichtsverdrängung bzw. - aufarbeitung abhing.
Bei einigen Daten und Zahlen hätte dem Manuskript eine genauere Prüfung gut getan, zudem wünscht man sich an weitaus mehr Stellen den Hinweis auf die genutzten Quellen. Doch handelt es sich insgesamt um eine Form der Geschichtsvermittlung, wie man sie sich öfter wünscht, flüssig formuliert, klar strukturiert, auf den Punkt kommend. So bietet das Buch auch jüngeren Lesern einen guten Einstieg - und kann vielleicht auch als Hinführung dienen zur vertiefenden, umfassenderen und mit wissenschaftlichen Belegen versehenen Information, wie sie Neufeld eindrucksvoll und unvergleichlich bietet. Beiden - sehr unterschiedlichen - Publikationen ist eine große Zahl von Lesern zu wünschen.