Ein skurriler schwäbischer Pfarrer sei er gewesen, ein eigenbrötlerischer Kauz, ein typischer Vertreter des Biedermeier... und schon prasseln die intellektüllen Stereotypen rudelweise herab (übrigens: Was haben die Leute eigentlich so gnadenlos gegen Schwaben und das Biedermeier?). Wenn man nicht aufpasst wie eine alte Katz, dann entgeht einem völlig, was einem entgeht, wenn man Eduard Mörike samt seinem literarischen Werk links liegenlässt, ohne zumindest einmal einen längeren Blick drauf zu werfen. Möglicherweise gefällt's einem ja doch, möglicherweise sind da sogar richtige Perlen zu entdecken...
Der Versuch ist's wert, finde ich jedenfalls. Was immer ich von ihm gelesen habe, gefiel mir; egal, ob Ballade, Gedicht oder Erzählung. Mörike nimmt sich meistens das Unspektakuläre vor, das er sich offensichtlich vorher genau angeschaut hat. Was er aus dem Unspektakulären dann aber mit einigen wenigen (oder auch mal mit mehr) Worten macht, also... sowas können nur die echten Könner.
Die Prosa liest sich leicht und locker, aber sie hat doppelten, wenn nicht dreifachen Boden. Man kann es gut auf längeren Bahnfahrten lesen, oder an einem gemütlichen Abend -- und wie jede gute Literatur kann man's mehr als einmal mit Gewinn lesen und entdeckt jedesmal was Neues. Die Gedichte wiederum sind umwerfend, ohne je Effekte zu heischen. Da stimmt jedes Wort.
Einige von Mörikes Werken haben mich einfach hingerissen -- etwa sein scheinbar einfaches, tatsächlich aber mindestens dreifach geschachteltes und einfach geniales "Stuttgarter Hutzelmännlein" und vor allem viele, viele seiner Gedichte. Oft spielen sie lässig in der literarischen Champions League mit.
Ist Mörike ein Großer? -- "Er ist's"...
Hat man den neugierigen Forscherblick irgendwann gewagt, oder will man sowieso mehr lesen von Mörike, und sucht man nun eine umfangreiche Ausgabe seiner Werke, vielleicht sogar mit diversen Worterklärungen, idealerweise zum unwiderstehlichen Preis? Wenn ja, dann wüsste ich was, das Ihnen gefallen könnte: "Werke in einem Band von Eduard Mörike" (Wer's lieber ordentlich gebunden hätte: Dasselbe gibt es auch als
Hardcover).
Freilich handelt es sich hier nicht um eine vollständige wissenschaftliche Werkausgabe für Studienzwecke, doch fürs unwissenschaftliche Lesen und Nochmallesen ist dieser Band nahezu ideal. Textgrundlage ist die 5. Auflage von "Mörikes Sämtliche Werke", 1976. Alle bereits von Mörike selbst herausgegebenen Werke beruhen darin auf den Originaldrucken, nur Orthographie und Interpunktion wurden angeglichen.
"Werke in einem Band von Eduard Mörike" umfasst:
Gedichte (ca. 270 Seiten!)
Idylle vom Bodensee
Maler Nolten
Wispeliaden (Sommersprossen, Wispel auf Reisen)
Novellen und Märchen (Der Schatz, Der Bauer und sein Sohn, Die Hand der Jezerte, Das Stuttgarter Hutzelmännlein, Mozart auf der Reise nach Prag)
Gelegenheitsschriften (Gespräch zwischen Mörike und Gustav Schwab, Zu meiner Investitur als Pfarrer zu Cleversulzbach, Der Spuk im Hause zu Cleversulzbach, Erinnerung an Friedrich Hölderlin, Aus dem Gebiete der Seelenkunde)
Anhang (Zeitgenossen über Mörike, Nachwort, Zeittafel, Zu dieser Ausgabe, Anmerkungen [zu: Gedichte, Idylle vom Bodensee, Maler Nolten, Novellen und Märchen, Gelegenheitsschriften], Zum Inhaltsverzeichnis der Gedichte, Inhaltsverzeichnis der Gedichte mit Angaben zur Erstveröffentlichung, Alphabetisches Verzeichnis der Anfänge und Überschriften der Gedichte)
Ideale Einstiegsdrogen für Mörike-Novizen sind, neben vielen Gedichten, vor allem die aus gutem Grund berühmtesten Novellen:
"Das Stuttgarter Hutzelmännlein" mit eingebetteter "Historie von der schönen Lau": Die etwas andere Heimatkunde, nicht nur für Schwaben. Am Ende von "Das Stuttgarter Hutzelmännlein" sind weitere Anmerkungen, eventuell aus der Originalausgabe, abgedruckt (zusätzlich zu denen im Anhang).
"Mozart auf der Reise nach Prag": Das ist jene Novelle, in der Wolfgang Amadeus Mozart vom Orangendieb zur 9. Muse avanciert.
Zwei Novellen, zwei ganz besondere literarische Leckerli! Doch es gibt noch mehr zu entdecken, denn wie hieß es oben:
Ist Mörike ein Großer? -- "Er ist's!"