Am Anbeginn unserer Erfahrung stehen mythische Phantasien als Ursachensetzung, ein Reiz, dessen Bewältigung die Stufen magischer, mythischer, symbolischer und logischer Form durchschreitet. Hierbei entsteht eine immer größere Distanz des Menschen zu der ihn bedrohenden Natur. Die Vergrößerung dieser Distanz lässt einen Denkraum entstehen.
Aby Warburg versuchte das Gedächtnis als organisierte Materie zu erforschen. Er erstellte einen Bildatlas, den er "Mnemosyne" nannte, und mit dem die Psychologie des sich erinnernden Menschen erkundet werden sollte. Dabei ging er davon aus, dass das Gedächtnisbild bei späteren Entwicklungsstufen nicht eine unmittelbare praktische Reflexbewegung auslöst - sei sie nun etwa kampfartig oder religiös - sondern das dieses in Form von Erinnerungsbildern zunehmend bewusst aufgestapelt wird.
Aby Warburg war dabei für uns einen neuen Blick auf die Kunstgeschichte zu eröffnen, einen der nicht durch eine allzu materialistische oder mystische Grundstimmung den weltgeschichtlichen Rundblick versperrt. Wie ging er dabei vor? Sein Ansatz war eine ikonologische Analyse welche Antike, Mittelalter und Neuzeit als zusammenhängende Epoche ansieht. So beobachtet er etwa wie Botticelli seine Schönheitsgöttinnen aus dem mittelalterlichen Realismus banaler Genrekunst erst befreien musste. Und wie so der Weg für Raffael frei wurde. Was ihm dabei aufgeht ist nicht nur die Erkenntnistheorie und Praxis der Symbolsetzung, der Kosmos in Bezug auf seine bildhaft-menschenmässige Ursachensetzung, sondern darüber hinaus die Grundlage für eine energetische Ästhetik als logische Funktion.
"(...) Sandro begnügte sich eben nicht dabei, durch natürliche Begabung und Temperament befähigt zu sein, die feinsten Nuancen beschaulicher Seelenstimmung widerzuspiegeln, er will nicht nur lyrisch dichten, sondern auch dramatisch schildern können (...) Schon bei Fra Filippo finden sich die lebensvolle Gestalt der herbeieilenden Dienerin, doch erst, seitdem Botticelli sich mit den Nymphen des Altertums in Kunst und Dichtung vertraut gemacht, bekommt die Figur der laufenden Frau jene schwungvolle selbstbewusste Schönheit, in der sie zuerst in Sandros Fresko in der Kapelle Sixtina auftritt. (...)"
Sein zentraler Ausgangspunkt ist dabei immer wieder auch die Astrologie und das Studium der Bewegtheit im Beiwerk der Figuren, die man oft als dekorativen Künstlereinfall abzutun pflegt. Mit solchen Einsichten einer erweiterten Wissenschaftlichkeit ist er bereit die Kreisläufe zwischen phantastischen Konkretionen und mathematischen Abstraktionen aufzuzeigen. Dabei bezeichnet er den Kampf mit dem Monstrum als Keimzelle der logischen Konstruktion. (Siehe hierzu auch den hervorragenden Dokumentarfilm "Kymatica" (2009) von Ben Stewart.)
Es geht ihm ganz konkret, auch bei seiner Beschäftigung mit den Pueblo Indianern, um die Wiedererweckung alter Weisheit über die Beziehung zwischen Kunst und Rhythmus, sprich Biomorphismus. Und hier stößt er auf einige Grundgeheimnisse in Bezug auf die Funktion des Gedächtnis.
"Die Frage ist: Wie entstehen die sprachlichen oder bildförmigen Ausdrücke, nach welchem Gefühl oder Gesichtspunkt, bewusst oder unbewusst, werden sie im Archiv des Gedächtnisses aufbewahrt und gibt es Gesetze, nach denen sie sich niederschlagen und wieder heraus dringen?"
Indem Warburg die Spannungen auslotet zwischen Erinnerungsbildern die religiöse Handlungen auslösen und solchen, die zu unmittelbar praktischen Reflexbewegungen führen, erkennt er wie der künstlerische Prozess sich allgemein zwischen Mimik und Wissenschaft abspielt. Dies ist der Absprung hin zu seinem groß angelegten Unternehmen einer Urkundensammlung zur Psychologie der menschlichen Ausdruckskunde, sprich seinem Bildatlas "Mnemosyne", welcher nicht weniger offen legen will als die Organisation des menschlichen Gedächtnisses, auch anhand lesbarer Spuren im Reich zwischen Magie, Mathematik und Technik. Was, wenn sich jederzeit ein längst verloren geglaubtes Wissen wieder erneut - und erheblich erweitert - im menschlichen Gedächtnis aktualisieren kann, auch durch eine, vielleicht kosmologisch bestimmte, polare Funktion des einfühlenden Bildgedächtnisses?
Warburgs Studien setzen im gewissen Sinne dort an, wo Lessing mit seinen Betrachtungen der Wirkungsweisen des Bildhaften im "Laokoon" aufhörte. Dies ist möglich, weil Warburg seiner Arbeit ein hohes Maß der Selbstbeobachtung mit einfügt. So bezeichnete er sich sogar auch einmal als Psychohistoriker der die Schizophrenie des Abendlandes aus dem Bildhaften in selbstbiographischen Reflexen abzuleiten versucht.
"Als ich zuerst 1888 nach Florenz kam, war mein und meiner jetzigen Frau höchstes Ideal Raffaels Madonna aus dem Hause Gran Duca. Das heisst, die in sich abgeschlossene weltentrückte Schönheit der italienischen Seele war das Symbol für das Neuland, das wir uns als Gegengewicht gegen den hastenden Tag zusammen eroberten. Deswegen erschienen mir z.B. Filippionos übernervöse Bewegungen wie ein unbegreiflicher Verstoss (...) (Aby Warburg, "Vom Arsenal zum Laboratorium")
In eine ähnliche Richtung, besonders was die Beziehung der Wechselwirkungen zwischen antichaotischer (Apollon) und chaotischer Energie (Dionysos) als Basis des Entstehens und Vergehens von Kulturen spielt, hatte zuletzt etwa Camille Paglia geforscht, die den Anspruch vertritt, die Geschichte von Literatur und Kunst aus dem Kerker der akademischen Lehre und Bibliotheken zu befreien indem sie Literatur, Kunstgeschichte und Religion in ihrem Zusammenhang betrachtet. Warburg, wie auch nach ihm Paglia, die sich jedoch mehr auf Sir James Frazers "The Golden Bough" (dt. "Der goldene Zweig", 1890-1915) und auf Jane Ellen Harrisons "Prolegomena to the Study of Greek Religion" bezieht, monumentale Werke zur Religions- und Mythentheorie, als auf Warburg, ergründen den Denkraum Schöpfung als Kulturfunktion und versuchen eine Psychologie der menschlichen Orientierung auf universeller bildgeschichtlicher Grundlage zu schreiben.
Es sei hier angemerkt wie wichtig es für die akademische Forschung wäre, um auf diesem Gebiet weiter zu kommen, sich endlich ernsthaft etwa dem Werke von Manly Palmer Hall zuzuwenden, besonders seinem "The Secret Teachings of All Ages", 1928. Denn nur durch die Integration des umfassenden Materials welches Hall vorlegt wird der Blick auf etwas frei, worauf auch Warburg hinaus wollte: Eine echte Einverseelung vorgeprägter Ausdruckswerte bei der Darstellung bewegten Lebens.
Dass Warburg bei einer solchen Aufgabe jedoch ein Wegbereiter war, wird einem klar, wenn man sieht wie er bereits 1895-96 auf den Tafelbergen von Neu-Mexiko bei seinen Studien der Maskentänzen der Hopi-Indianer wichtige Einsichten über die Grundlagen der Kultur gewann, die er dann auf die Beobachtung der seelischen Schichtungen der Renaissancemenschen anwendete.
"(...) Eben diese von Raffael und seiner Schule ausgehende archäologisierende Entrückung der Götter in das Reich der schein-plastischen Schönheit hat die für unsere kulturwissenschaftliche Einsicht verhängnisvolle Folgen gehabt, dass wir die Heidengötter als Schicksalsmächte für die Hochrenaissance als überwundenen Aberglauben ansehen. Die astrologische Dämonie der Heidengötter muss eben als ihre ältere, eigentlichere, und die Periode der aesthetisierenden Vergeistigung überdauernde Urfunktion angesehen werden. (...) Zwischen dem Urteil des Paris auf dem heidnischen Sarkophag und Manets "Déjeuner sur l''herbe" vollzieht sich der Umschwung in der Verursachungslehre, die elementaren Naturereignisse betreffend." (Aby Warburg, "Mnemosyne")