Gaius Sallustius Crispus lautet der Name des ersten großen römischen Historikers. Das Geburtsjahr des Sallust 86 v.C. ist zugleich das Todesjahr des Marius. Seine politische Laufbahn begann er wie damals üblich mit der Quästur. Bereits im Jahre 52 v.C. übte er das Volkstribunal aus. Unter Caesar erreichte er im Jahre 46 v.C. als Prätor und etwas später als Statthalter der neuen Provinz Africa nova den Gipfel seiner Karriere. Er kehrte als reicher Mann nach Rom zurück, kaufte Häuser und Gärten und wendete sich angewidert von der Politik ab: "... dort aber gab es für mich vieles Widerwärtige."
Die letzte Dekade seines Lebens widmete er der Geschichtsforschung und -schreibung. Diese war bislang von den Römern vernachlässigt worden: "Gerade die Besten wollten lieber handeln als reden, wollten ihre Ruhmestaten lieber von anderen preisen lassen, als ihrerseits die anderen schildern." Seine Vorbilder waren Thukydides in der Geschichtsschreibung und Cato censorius im Stil. Werner Eisenhut beschreibt die Sprache Sallusts treffend als: "Stil von einer kraftvollen Herbheit, deren verhaltene Energie und suggestive Eindinglichkeit nicht schwungvoll überreden, sondern ernsthaft überzeugen will."
Von seinen Werken sind die Verschwörung des Catilina und der Krieg mit Jugurtha ganz erhalten geblieben, aus den Historien jedoch nur Fragmente. Die Echtheit der beiden Briefe an Caesar sowie der Invektive gegen Cicero sind umstritten.
Die Verschwörung des Lucius Catilina im Jahre 63 v.C. war für Sallust der Beweis seiner These, dass sich der Staat in einem zerrütteten Zustand befand. "Als ... Karthago, die Rivalin der römischen Macht, bis auf den Grund vernichtet war und nun alle Meere und Länder offen standen, da begann das Schicksal zu wüten und alles durcheinander zubringen ... So wuchs zuerst die Geldgier (avaritia), dann die Herrschgier (ambitio)."
In seinen Briefen an Caesar vergleicht Sallust den Staat mit einem Menschen. Der Senat entspricht dem Geist, der sich durch Klugheit und nicht durch Trägheit oder Schlaffheit auszeichnet. Das Volk vergleicht er mit dem Körper. Deshalb fordert er für den Senat die höchste Autorität, für das Volk aber die größte Macht. Die Wahrheit sah aber anders aus! Volk und Senat waren in zwei Fraktionen gespalten: Die Partei der Optimaten vertrat die Interessen der Nobilität und hielt an den traditionellen Rechten fest. Die Partei der Popularen war ein Sammelbecken der Jugend, der Emporkömmlinge (wie Marius) und der Zu-kurz-gekommenen (wie Catilina). Dieses Umfeld war ein idealer Nährboden für Bürgerkriege, Revolutionen und Moritaten.
Catilina war hochverschuldet. Er führte ein aufwendiges Leben und hatte viel Geld in seine Bewerbungen um das Konsulat der Jahre 64 v.C. und 63 v.C. investiert. Nach den Niederlagen mobilisierte er zunächst im Geheimen, dann nach Ciceros Angriff in der Kurie öffentlich das Heer der Unzufriedenen. In Rom wurden seine Anhänger verhaftet und in der denkwürdigen Senatssitzung am 5. Dezember 63 v.C. verurteilt und anschließend hingerichtet. In dieser Senatssitzung lieferten sich zwei junge Adlige ein Rededuell: Gaius Caesar und Marcus Cato. Interessant das Urteil des Sallust: "Caesar galt wegen seiner Wohltaten und Freigiebigkeit als groß, wegen der Lauterkeit seines Lebenswandels Cato. Jener war durch Milde und Mitgefühl bekannt geworden, diesem hatte seine Strenge ansehen verschafft. Caesar erlangte Ruhm durch Geben, Unterstützen, Verzeihen, Cato dadurch, dass er keine Spenden gab. Im einen fanden Unglückliche ihre Zuflucht, im anderen Schlechte ihr Verderben."
Man spürt förmlich, wie Sallust zwischen diesen beiden faszinierenden Charakteren hin- und hergerissen wird. Wem gebührt der Siegerlorbeer? Nun, Cato entschied das Rededuell für sich. Siebzehn Jahre später trafen beide nahe der afrikanischen Stadt Utica mit ihren Streitkräften aufeinander. Der militärische Sieger hieß Caesar. Cato nahm sich in das Leben. Er blieb seinen Grundsätzen bis in den Tod treu.
Den Krieg gegen Jugurtha führten die Römer gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Jugurtha hatte - ähnlich wie 100 Jahre später Arminius - das Kriegshandwerk als Führer der numidischen Hilfstruppen vor Numantia von den Römern gelernt. Sallust beschreibt ihn als begabt, eifrig, gehorsam und beliebt. Von den Römern lernte er auch den Wert des Geldes schätzen und für seine Zwecke zu nutzen. Von ihm stammt das viel zitierte Wort: "Diese feile Stadt, die bald untergehen wird, wenn sie einen Käufer findet." Nachdem dem Tode seines Adoptivvaters, wurde das Reich in drei Teile geteilt. Jugurtha ermordete die beiden Stiefsöhne und riss die Macht an sich. In Rom mehrte sich der Widerstand gegen ihn. Sein Geld ließ zunächst die Kritiker verstummen.
Es bedurfte schon eines "energischen Mannes" wie Quintus Metellus, der sich "gegenüber Geld unbeugsam zeigte", um Jugurthas Macht zu brechen. Im Heer des Metellus stand auch ein junger Mann, dem alle Tugenden "im reichem Maße zur Verfügung" standen: Marius. Zwischen beiden sollte bald ein Streit um die Führerschaft entbrennen. Marius wurde als homo novus zum Konsul gewählt und löste einen verärgerten Metellus ab. Ihm gelang es mit List, Jugurtha gefangen zunehmen. Am 1. Januar 104 v.C. wurde Jugurtha im Triumphzug durch die Strassen Roms geführt und wenig später hingerichtet.
In seinen Werken tritt uns Sallust mit erhobenem Zeigefinger, als Sittenwächter und Verteidiger der Moral entgegen: "Welchen Gegensatz bilden hier die jetzigen sittlichen Auffassungen! Sucht da nicht jeder seine Vorfahren zu überbieten im Reichtum und im aufwand, keiner aber in der Rechtlichkeit und Strebsamkeit." Er verurteilt ein Leben, das einzig dem Leib und der Genusssucht frönt. Statt dessen fordert er den Leser eindringlich dazu auf, Körper und Geist in Einklang zu bringen: "Unsere ganze Stärke beruht jedoch auf Geist und Körper: der Geist ist das Herrschende, der Körper mehr das dienende in uns - den einen haben wir mit den Göttern, den anderen mit den Tieren gemein. Denn der Ruhm ... ist flüchtig und hinfällig, eine tüchtige Leistung aber ein herrlicher und unvergänglicher Besitz - gloria fluxa atque fragilis est, virtus clara aeternaque habetur".
Man hat Sallust, wie ich finde, zu recht vorgeworfen, dass seine Worte nicht seinen Taten entsprechen. Darf jemand, der Reichtümer sammelt und Ehebruch begeht, seine Mitbürger kritisieren? Unstrittig jedoch ist das Urteil der Nachwelt über die Bedeutung seines Werkes. Tacitus nennt ihn den bedeutendsten Geschichtsschreiber Roms.