Um es sofort auf den Punkt zu bringen: Dieser Lyrikband bedeutet mir wirklich sehr viel. Ursprünglich nur gekauft, um meine Sammlung von Joyce-Texten zu komplettieren, zogen mich die Gedichte sofort tief in ihren Bann - und haben mich bis heute nicht daraus entlassen...
Es sind besonders die 36 Gedichte aus "Chamber Music" und die "Pomes Penyeach", die in ihrer schlichten Schönheit wie Edelsteine funkeln: Joyce gelingt es hier, in wenigen Versen sehr eindringliche Stimmungsbilder zu generieren, die noch lange im Gemüt des Lesers bzw. Hörers nachwirken.
Die in diesem Band ebenfalls enthaltene fragmentarische Jugendlyrik sowie die Spott- und Gelegenheitsgedichte heben sich von den oben erwähnten Gedichtsammlungen sehr negativ ab und sind eigentlich kaum der Rede wert.
Eine Bereicherung des Gedichtbandes ist dagegen die "Anna Livia Plurabelle". Sie stellt das Eingangskapitel von Joyce's Spätwerk "Finnegans Wake" dar und ist eigentlich ein Prosatext; aufgrund ihrer ausgeprägten Melodik und ihres Bilderreichtums kann man sie aber durchaus als eine gelungene Abrundung dieses Buches verstehen.
Sämtliche Gedichte des Bandes liegen im englischen Original und in deutscher Übersetzung vor. Während die beiden Übersetzungen der "Anna Livia Plurabelle" sicherlich sinnvoll und gelungen sind (und das Werk einem nur durchschnittlich der englischen Sprache mächtigen Leser überhaupt erst zugänglich machen), so sind die Übersetzungen aller übrigen Gedichte eine einzige Katastrophe: Krampfhaft nach Reimen suchend, versetzt der Übersetzer dem Versmaß und dem Bilderreichtum der englischen Originale den Todesstoß - das Ergebnis ist absolut indiskutabel.
Fazit: Hätte man auf die Gelegenheitslyrik und die grausigen Übersetzungsversuche verzichtet, so wäre ein Band von faszinierender Schönheit herausgekommen, der mit Sicherheit 5 Sterne verdient hätte. So sind es aber leider nur 4...
Schade!