Im Band VII dieser Werkausgabe mit dem Titel "Kritik der praktischen Vernunft" kommt Kants Renner, der kategorische Imperativ. Wie man zu einem Imperativ kommt, ist die eine Sache, was er impliziert und verlangt, das ist die andere. Kant verlangt nämlich, dass man sich dem selbstgezimmerten Imperativ auch unterwirft. Lust und Neigungen sind die natürlichen Feinde dieser Unterwerfung, sie sind deshalb böse und sie werden mit dem grössten kant'schen Schimpfwort belegt, der Heteronomie. Aber das Buch bietet ein ganze Reihe von Drohungen: Man lande in Fanatismus, Schwärmerei und Aberglaube, wer anders denke erkünstle sich nur etwas, tönt es dann etwa.
Was aber ist zu gewinnen, wenn man sich dem Imperativ, auch das moralische Gesetz genannt, unterwirft? Man gewinnt Selbstachtung und Selbstgenügsamkeit und man schafft die Voraussetzung zur Glückseligkeit. Per aspera ad astra war schon immer der Leitsatz der Manichäer und der Klöster.
Nun aber zur hellen Seite: Kant empowert das Individuum, indem es ihm die Entwicklung von Maximen und die Prüfung aufbürdet und zutraut, ob diese Maxime Allgemeingültigkeit biete und ertrage. Das geht nur in Autonomie, in Freiheit. Die Erfüllung dieser Aufgabe und die Befolgung der Resultate ist der Zweck des Individuums. Niemand darf das Individuum daran hindern, weshalb der Mensch, sagt Kant, nie nur als Mittel benutzt werden dürfe. En passant wird Kant so zum Begründer der Menschenrechte avant la lettre. Abgehalten wird der Mensch nicht nur von Dritten, die ihn nur als Mittel benutzen wollen, sondern auch von den Neigungen und Lüsten. Das alles führt zur Heteronomie, der Fremdleitung und Fremdbestimmung, wie wir heute vielleicht sagen können. Darum ist das das eminenteste Schimpfwort im kant'schen System.
Es gibt natürlich noch anderes in dieser Kritik, eine Auseinandersetzung mit der Philosphiegeschichte zum Beispiel, aber das ist der Kern, wie ich ihn sehe. Er eröffnet die Möglichkeit einer moralischen Gesellschaft. Kant redet in den Kritiken konsequent von den menschlichen, individuellen Möglichkeiten, aber an diesem Punkt hört man von ihm erstmals eine gesellschaftliche Erwägung.
Wie nun ist Kants Kritik der praktischen Vernunft zu lesen? Leichter jedenfalls als die Kritik der reinen Vernunft. Noch plastischer wird hier das Systemische, was besagt, dass alles Systemrelevante in vielen Wendungen und Formulierungen erscheint, so dass es einsichtig wird, ohne dass jeder lange Satz zerpflückt werden muss.