Nachdem Wittgenstein den Tractatus Logico-Philosophicus fertiggestellt hatte, fühlte er sich nicht in der Lage, die philosophischen Studien fortzusetzen. "Nein, in dieser Sache lässt sich nichts machen; denn ich habe selbst keinen starken inneren Trieb mehr zu solcher Beschäftigung. Alles, was ich wirklich sagen musste, habe ich gesagt und damit ist die Quelle vertrocknet.", schrieb er 1924 an den englischen Kollegen und Freund Keynes.
Der Tractatus hatte aber die Aufmerksamkeit der Philosophen geweckt und Moritz Schlick suchte den Kontakt zu ihm. Dem ersten Treffen 1927 folgten weitere, zu denen auch die Mitglieder des Schlick-Kreises geladen wurden. Der Aufenthalt 1929 in Cambridge führte Wittgenstein zurück zur wissenschaftlichen Arbeit. Er war nun bereit, mit Schlick und dessen engem Vertrautem Friedrich Waismann über logische Probleme zu diskutieren. Im vorliegenden Band sind die Notizen Waismanns veröffentlicht.
Wittgenstein greift in den Gesprächen, die um Sprache und Logik kreisen, viele Thesen des Tractatus auf, erläutert oder korrigiert sie. Zur Sprache bemerkt er: "Ich habe früher geglaubt, dass es die Umgangssprache gibt, in der wir alle für gewöhnlich sprechen und eine primäre Sprache, die das ausdrückt, was wir wirklich wissen, also die Phänomene ... Ich glaube, dass wir im Wesen nur eine Sprache haben und das ist die gewöhnliche Sprache. Wir brachen nicht erst eine neue Sprache zu erfinden ... vorausgesetzt, dass wir sie von den Unklarheiten, die in ihr stecken, befreien."
Gleiches gilt auch für die Philosophie: "Wenn es Thesen der Philosophie gäbe, so dürften sie zu keinen Diskussionen Anlass geben ... Solange man über eine Frage verschiedener Meinung sein und streiten kann, ist das ein Anzeichen dafür, dass man sich noch nicht genügend klar ausgedrückt hat." Unklarheiten beruhen auf zweideutigen Definitionen von Symbolen: "Was den philosophischen Betrachter an unserer Sprache am meisten befremdet, ist der Unterschied zwischen Sein und Schein."
Doch auch die Mathematik bietet kein Refugium: "Diese Logiker dachten: Wenn alle Stricke reißen, wenn sich diese logischen Formen auf die Wirklichkeit nicht anwenden lassen, so bleibt uns doch noch immer die Mathematik. Heute sehen wir, dass es auch mit der Mathematik nichts ist, dass hier keine logischen Sätze vorkommen.", und an andrer Stelle: "Die Logik demonstriert an Sätzen, die Mathematik an Zahlen."
Viele Diskussionen griffen das Thema "Widerspruchsfreiheit" auf. Wittgenstein bemerkt dazu: "Der Widerspruch muss kontradiktorisch sein, nicht konträr. Z.B. "Dieser Fleck ist grün" und "Dieser Fleck ist rot" widersprechen einander nicht, solange wir nicht eine weitere Regel hinzufügen, welche bewirkt, dass ihr logisches Produkt eine Kontradiktion ist". Widersprüche treten also nicht im Kalkül, der Berechnung auf, sondern in der Regel. Wittgenstein wendet sich gegen den "Popanz des Widerspruchs", gegen die abergläubische Furcht vor dessen Auffindung: "Was ich sagen will, ist immer dasselbe: Der Nachweis der Widerspruchsfreiheit kann keine Lebensfrage der Mathematik sein. Ich glaube das hängt wesentlich damit zusammen, dass ich nicht fragen darf: Kann ich jemals zu einem Widerspruch kommen? Ich kann nur fragen, wo ich ein Verfahren habe, zu suchen. Ich kann nicht ins Unendliche hinein suchen." Die Frage: Gibt es eine größte Primzahl, ist deshalb auch keine Frage; es kann nur eine Anregung sein.
Was passiert aber nun, wenn die Regel nicht mehr weiterhilft. Beispiel aus einem Brettspiel. Der schwarze Stein zieht über den weißen Stein. Was tun, wenn der weiße Stein am Rande steht? "Nichts leichter, als den Widerspruch zu beseitigen: Ich muss eine Entscheidung treffen, also eine weitere Regel einführen.", entgegnet Wittgenstein. Sobald ich eine neue Regel einführe, entsteht auch ein neues Spiel: "Also: ich kann durch Regeln nie das Spiel bestimmen, sondern immer nur ein Spiel." Regeln darf man sich nicht wie "Mörtel zwischen zwei Ziegeln" vorstellen. Sie sind kein unabhängiges Drittes, sondern Teil der Sachverhalte. Durch Regeln werden Sachverhalte gleich Kettengliedern verbunden. "Wir können nur Regeln postulieren, nach welchen wir sprechen wollen. Wir können nicht Sachverhalte postulieren."
Über die Physik schreibt Wittgenstein, dass sie Regelmäßigkeiten feststellen will: "... sie geht nicht auf das, was möglich ist." Die Schwierigkeiten der Physik entspringen der Vermengung mit den Regeln der Grammatik. "Ein Naturgesetze", sagt Wittgenstein, "lässt sich nicht verifizieren und nicht falsifizieren. Vom Naturgesetz kann man nur sagen, dass es weder wahr noch falsch, sondern wahrscheinlich ist ... Eine Aussage ist wahr oder falsch, nie wahrscheinlich." Bei einem Würfelspiel überprüfe ich nicht die Richtigkeit der Wahrscheinlichkeit, sondern die Voraussetzungen für den Wurf (homogener Würfel etc.).
Dem "Geschwätz über Ethik" möchte Wittgenstein ein Ende machen. "Der Mensch hat die Tendenz, gegen die Grenzen der Sprache anzurennen. Dieses Anrennen deutet auf die Ethik hin. Alles, was ich beschreibe, ist in der Welt. In der vollständigen Weltbeschreibung kommt niemals ein Satz der Ethik vor ...", und weiter ,"In der Ethik macht man immer wieder den Versuch, etwas zu sagen, was das Wesen der Sache nicht betrifft und nie betreffen kann."
Fazit: Ich halte das Buch deshalb für lesenswert, da es an vielen Beispielen das Denken Wittgensteins erläutern. Man muss sich jedoch immer wieder vor Augen halten, dass es sich um eine Mitschrift handelt und deshalb manche Unzulänglichkeit beinhaltet. Ich maße mir aber nicht an, dies beurteilen zu können.