Das Buch ist letztlich trocken wie eine Vorlesung zum Thema. Gleichzeitig ist es extrem präzise und mitunter schon fast minimalistisch knapp. Es gelingt der Autorin auf durchaus beeindruckende Weise, äußerst komplexe Sachverhalte recht verständlich (meines Erachtens auch für den gebildeten Laien) und auf stets sehr wenigen Seiten zu erklären. Ich war erstaunt, was für Themen auf den knapp 190 Seiten abgehandelt werden: Angefangen von der Evolutionstheorie, den Grundbegriffe der Genetik, der Proteinsynthese aus Genen und der RNA, über das eigentliche Hauptthema, der embryonalen Entwicklung aus bestimmten Genbereichen heraus bis hin zu aktuellen Themen wie Klonen, Stammzellenforschung oder Designer-Babies, ist im Grunde wirklich alles dabei, was es in diesem Zusammenhang zu sagen gibt und wonach man zu fragen wagte.
Hochinteressant sind auch die Ausführungen zu den verschiedenen genetischen Labortieren wie etwa der Obstfliege Drosophila oder dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans und ihren jeweiligen Vorzügen und Nachteilen bei der genetischen Forschung.
Christiane Nüsslein-Volhard äußert sich sehr eingehend zu gewissen Gen-Anomalien, wie sie etwa im Zusammenhang mit dem Down-Syndrom und anderen Erkrankungen auftreten. Im Zusammenhang mit Labortieren führt sie ganze Klassifizierungen auf, was sich wie im Körperbau verändert, wenn z. B. ein Genbereich fehlt oder mehrfach vorhanden ist. Genanomalien gehörten also zu ihrem Forschungsalltag. So heißt es dann an einer Stelle (170):
"Die meisten Genfamilien gehen wohl ursprünglich auf Verdoppelung individueller Gene in einer Zelle zurück, verursacht vielleicht durch seltene Fehler bei der Rekombination oder Replikation. Es gibt aber auch Verdoppelungen gesamter Genome. Das Genom der Wirbeltiere hat sich in kurzer Zeit möglicherweise zweimal verdoppelt, und zwar bereits vor der Entstehung der Fische. Schädellose Chordaten, wie das Lanzettfischchen, haben zum Beispiel nur einen Komplex von Hox-Genen, während dieser in allen Wirbeltieren mindestens viermal vorkommt."
Hier beschreibt die Autorin in aller Nüchternheit Evolutionsprozesse, die wohl stattgefunden haben, und bei denen es sich für sie um ein ganz normales Evolutionsgeschehen handelt, während manch anderer Autor darin bereits einen
Abschied vom Darwinismus erkennen möchte, da dieser angeblich nur Punktmutationen zur Veränderung des genetischen Materials zulassen würde. Der wissenschaftliche und völlig unpolemische Stil der Autorin ist in diesem Zusammenhang als geradezu vorbildlich zu bezeichnen.
Positiv aufgefallen ist mir auch noch das Register. Die Autorin führt im gesamten Buch sehr viele biologische Fachbegriffe ein, auf deren Ersterklärung mit Hilfe des Registers aber recht leicht zurückgegriffen werden kann. Wird also etwa auf Seite 66 - wie ein Rezensent bemängelte - von Spemanns großem Versuch gesprochen, dann genügt ein kurzer Blick ins Register, um festzustellen, dass sie genau den bereits auf Seite 41 erläutert hatte.
Zwei kleine Kritikpunkte habe ich dennoch:
1. Ich halte das Buch für insgesamt so informativ, dass es mehr Beachtung verdient. Vielleicht sollte die Autorin noch einmal einen Versuch wagen, es zusammen mit einer Lektorin und mit etwas anspruchsvolleren Abbildungen zu einem lesefreundlicheren Buch auszubauen. Auch hätte ich mir ein konsistentes Beispiel anhand eines einzigen Tieres gewünscht, an dem die wesentlichen Entwicklungsschritte und -probleme verdeutlicht werden.
2. Den 200 Fassungen der Darwinschen Evolutionstheorie, die ich mittlerweile kenne, fügt die Autorin noch eine 201. hinzu: Überproduktion, Selektion und Variation. Ein Problem auch hier: Sie ignoriert die besondere evolutionstheoretische Bedeutung der Sexualität (Getrenntgeschlechtliche Populationen benötigen z. B. keine Überproduktion von Nachkommen, um fortlaufend evolvieren zu können. Hier reicht es, wenn die Männchen insgesamt ein höheres Fortpflanzungsinteresse als die weiblichen Fortpflanzungskapazitäten besitzen.). Aber dies sei nur am Rande erwähnt.