"... Schönheit hat nicht Ruh, / bis sie mich bindet ..."
(Michelangelo)
August von Platen (1796-1835) gehört zu den unbedachten Klassikern, kennen wird man ihn ob der Streiterei mit Heine oder seiner Homoerotik. Vielleicht wird seine Spracherotik noch aus dem "Tristan" in Erinnerung sein. Mit den Tiefen seines Schaffens soll diese Gedichtsauswahl vertraut machen. Und sie ist gelungen, denn die Breite des Werkes von Platens kommt bestens zur Geltung. Höhepunkte der Gedichte ist sein "Tristan". Dann seine Sonette über die vielgeliebte Stadt Venedig und die orientalischen Hafis Gedichte, denen allen eine unerschöpflich sprach bildende Phantasie des Schönen zu Eigen ist. Platen dichtet als Künstler des Wortes, er malt verbale Bilder, er ist sprachlicher Bildhauer und gar wundersamer Träumer, wie im Kunstmärchen "Der Rosensohn" (siehe Rez.) zeigte. Aber er ist Mensch, ein besonderer, da er im Streben um Vollendung nie den Grad eines zufriedenen Menschen erreichen konnte. Er lechzte nach Freundschaft, er war süchtig nach Liebe, dem Unerreichbaren war er erlegen, dem Fernen galt sein Reiz. Diesen Platen finden Sie in dieser Ausgabe.
"Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben," so beginnt Tristan und Platen zeigt deutlich, dass die rein sinnliche Erfahrung des absolut Schönen tödlich ist. Geistige Reflexion mag davon abhalten, doch nichts wird im Tristan davon sichtbar. Wie in weißem Marmor gemeißelt, zieht seine Lyrik auf Ewig in Bann. "Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe" führt den Leser in die Spracherotik, die ihn selbst zu dem macht, "wen der Pfeil des Schönen je getroffen, / Ewig währt ..." Und dieser unreflektierte Genuss der Schönheit macht den Seher unfruchtbar, "er möchte wie ein Quell versiegen", Schönheit überwältigt und nichts ist ihr entgegenzusetzen. Diese Krankheit zum Schönen ist der Weg zur ästhetischen Pathologie eines Baudelaires. (siehe Rez.: Die Blumen des Bösen)
Die Venedig-Sonette bestechen durch Klang, Rhythmus. Sie sind konstruiert wie eine Statue, sie bilden sich selbst im Klang. Grandiose Lyrik. Venedig, er weiss, dass die Stadt auf den Pfählen endlich ist: "Alles vergeht; doch wird Schönes allein beweint." Und doch, vorsichtig genug: "da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne: / Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?"
Und an anderer Stelle: "... Vermag die Kunst allein und darf es wagen, / Und wessen Herz Vollendetem geschlagen, / Dem hat der Himmel weiter nichts zu geben!" Im übrigen hatte auch Lord Byron (siehe Rez.) sein Faible für Venedig.
Aus den Ghaselen nach Hafis duftet der Orient, "Weil man in der Liebe Wüste keine Grenze mehr gewahrt," und in den Rubajat zeigt er vollendet die Schönheit und den Sprach-Eros:
"Ich sah, wie wieder der Lotos im Ozeane blüht,
Ich sah, wie wieder im Brachfeld die Tulpiane blüht,
Zwar sie bedecken die Flut längst, und Schnee bedeckt das Feld,
Doch alles blüht, wo du bist, mir, wiewohl's im Wahne blüht."
Das vierfache Beschwören des Blühens, die Fruchtbarkeit in der Brache: die Hoffnung auf ein Fliessen im Versiegen, ein Klang ohne gleichen, bis zuletzt, bis zur Erkenntnis, dass es ein Akt der Selbsttäuschung gewesen ist. Schönheit als Produkt des Wahns, der Vorstellung und es ist egal, denn ein wohlwollendes "wiewohl" verbindet, kein hartes Aber, Trotz oder Jedoch. Eine üppige Wortblume hält das Blühen, "Wer die Schönheit angeschaut mit Augen"
Thomas Mann: "Alle Wirklichkeit führt das Gefühl ad absurdum ...."
Das ist Platen, ein kleiner Eindruck als eine Empfehlung.