Nach der Anti-Schah-Demo, bei der Benno Ohnesorg getötet wurde, erkannte Gudrun Ensslin(Lena Lauzemis) für sich, dass dieser Ausspruch die erste Direktive des Staates ist. Um ihn zu bekämpfen, machte sie sich genau diese Direktive zu eigen. In diesem Moment liegt die Geburtsstunde der ersten RAF-Generation. Ich habe mich in meinem Job seinerzeit noch mit der letzten RAF-Generation beschäftigen müssen; die Ansichten hatten sich in den Jahren nicht verändert. Gewalt mit Gewalt bekämpfen, Wind säen und Sturm ernten. Insofern bin ich mit der Geschichte der RAF einigermaßen vertraut. Was jedoch davor geschah; wie zum Beispiel die Geschichte um Bernward Vesper(August Diehl) und Gudrun Ensslin, darüber schweigt die Geschichtsschreibung weitgehend. Umso wichtiger sind Filme wie -Wer wenn nicht wir-. Man muss nicht verzeihen, aber man kann versuchen einiges zu verstehen...
Die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin darf als einziges von sechs Kindern studieren. Sie lernt Bernward Vesper, den Sohn des anerkannten NS-Schriftstellers Will Vesper(Thomas Thieme) kennen. Bernward und Gudrun schwimmen auf einer Wellenlänge. Doch als Bernward die Schriften seines Vaters neu verlegen will; er hat es ihm kurz vor seinem Tod versprochen, gibt es erste Differenzen. Das Paar zieht nach Berlin. Dort folgt die Verlobung, das gemeinsame Kind, und nach ein paar Hungerjahren so etwas wie beruflicher Erfolg. Während Bernward sich mit der Black Panther Bewegung und Schriften gegen den Staat begnügt, will Gudrun mehr. Bernwards ständige Seitensprünge verstärken Gudruns Frustration noch mehr. Als sie auf der Anti-Schah-Demo verletzt wird, will sie handeln. Auslöser für ihr späteres Handeln ist vor allem Andreas Baader(Alexander Fehling), der gerade aus dem Knast gekommen ist und den Gudrun auf einem Treffen kennen lernt. Baader redet nicht, er handelt. Und Gudrun verfällt ihm. Bernward kann seine Frau nicht halten. Und so kommt, was kommen muss: Trennung, Leid, Haft und Wahnsinn. Nach der Abrechnung durch die Geschichte bleiben nur Verlierer übrig...
Andres Veiel hat nach Uli Edels -Baader Meinhof Komplex- seine Sicht der Dinge auf die Filmrolle gebannt. Das ist interessant und spannend gelungen. Es ist vor allem der Blick auf die unbekannte Zeit, bevor die RAF ins Bewusstsein der Bürger trat, die den Film so sehenswert macht. Lena Lauzemis und Alexander Fehling spielen hervorragend in ihren Rollen. Es ist aber August Diehl, der alle Register seines Könnens ziehen muss, um den relativ unbekannten Bernward Vesper zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu machen. Das ist ihm perfekt gelungen. Die Nebenrollen sind ebenfalls sehr gut besetzt.
-Wer wenn nicht wir- ist eine Bestandsaufnahme, ohne den moralisierenden Zeigefinger zu erheben. Verständnis, allein darum geht es. Ob gut oder schlecht, richtig oder falsch, dass dürfen die Zuschauer selbst entscheiden. Mit Originaleinspielern der Anti-Schah-Demo, der Kuba Krise, des Vietnam Krieges und der Atombombentests sorgt Veiel für ein Stückchen Zeitgeschichte in seinem Film. Die wird dann auch mit der passenden Musik unterlegt.
Ein kleines Manko hat Veiels Film allerdings; jedenfalls wenn sie mich fragen: Hier und da "rüstet" er die Geschichte ein wenig auf. Es gibt Handlungssequenzen, bei denen man bis heute nicht weiß, ob sie so tatsächlich stattgefunden haben. Das ist bei Geschichte, die tatsächlich passiert ist, immer ein Problem. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte von Gudrun Ensslin, die sich in ihre Rebellentraumwelt verabschiedet, und Bernward Vesper, der komplett zerstört zurückbleibt, überaus sehenswert.