Eines muss man dem Ian Morris lassen: schreiben kann er, und wohl noch nie habe ich ein faktengesättigtes Geschichtsbuch so schnell durchgelesen. Sein Stil ist locker, anekdotenreich, bisweilen sogar flapsig. Wer ein Buch sucht, in dem die letzten 12000 Jahre Menschheitsgeschichte lebendig durcherzählt werden, der wird in diesem Buch auf seine Kosten kommen (wobei das nicht ganz korrekt ist, denn im Grunde geht es nur um den "Osten" (= China) und den "Westen", der bei Morris alles umfasst, was westlich des heutigen Pakistans liegt.
Doch eigentlich ist es nicht sein Anliegen, im erzählerischen Schweinsgalopp durch 12000 Jahre Geschichte in Ost und West zu eilen. Sein Thema lautet: Warum beherrscht der Westen seit nunmehr 300 Jahren die Welt, und nicht der Osten, der immerhin von etwa 500 n.Chr. bis ins 17.Jahrhundert die weiter entwickelte Zivilisation hatte ?
Und hier beginnt die Analyse, zu welcher die ganze(n) Geschichte(n) nur das Material liefern. Ian Morris ist nicht eben bescheiden: es geht ihm ums große Ganze, um die Gesetze der Geschichte.
Er stellt drei Kandidaten vor, die für weltgeschichtliche Umwälzungen in Frage kommen: Biologie, Soziologie und Geographie. Biologie scheidet aus, denn die Menschen(gruppen) sind überall gleich. Der Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts ist wissenschaftlich widerlegt. Der Westen herrscht nicht, weil der weiße Mann dem "Gelben" überlegen ist. Soziologie scheidet seiner Meinung nach auch aus, da zu flüchtig, zu wenig nachhaltig und tiefgreifend. Bleibt nur die Geographie ("maps, not chaps", = Karten, nicht Kerle, wie er es ausdrückt)
Wenn es um die neolithische Revolution (= Erfindung von Ackerbau und Viehzucht) geht, so ist die Geographie hier sicher der hinreichende Grund für den Vorsprung des Westens (der "Westen" hier: der fruchtbare Halbmond im heutigen Nahen Osten), denn dort fanden sich nun einmal die Pflanzen und Tiere, die sich am leichtesten und ergiebigsten domestizieren ließen. Der Vorsprung, den der "Westen" damals vor 13000 Jahren hatte, war aber um 600 n.Chr,. wieder aufgebraucht. Was also war der Grund für die Entwicklung , die Europa ab etwa 1500 (Stichworte: Renaissance und Entdeckung Amerikas), und dann rasant ab 1700 (Moderne Wissenschaft, dann die Industrielle Revolution) machte ? Morris' Antwort ist von bestechender Einfachheit: der Atlantische Ozean ist schmaler als der Pazifik. Deshalb entdeckte ein Europäer Amerika, und nicht ein Chinese. Das löste den Entwicklungsschub aus, der Jahrhunderte später dazu führte, dass England, Frankreich, Holland und Co. die Welt beherrschten.
Wirklich ? Warum spielten dann die beiden Länder (nämlich Spanien und Portugal), die bei der Entdeckung und dann Ausbeutung der neuen Länder führend waren, keine Rolle mehr, als Leute wie Bacon oder Newton das revolutionäre wissenschaftliche Weltbild entwarfen, oder James Watt und Co. diese Erkenntnisse dann in Technik umsetzten? Spanien und Portugal verpulverten das geraubte Gold und Silber schlicht, um dann schon bald wieder auf den Stand europäischer Armenhäuser zurückzufallen, aus dem sie erst Ende des 20. Jh. dank EU-Beihilfen halbwegs befreit wurden.
Warum schipperten Holländer und Briten um den halben Globus, und gründeten und unterhielten quasi im Hinterhof Chinas (in Indonesien, Australien, Indien etc.) Kolonien ? - Warum verspielten die Araber, die über Jahrhunderte in allen Belangen die Führungsrolle im Westen innehatten, ihren Vorsprung ? - Was hinderte die Chinesen, die im Altertum Erfindung nach Erfindung gemacht hatten, zwischen 1500 und 1800 daran, die Dampfmaschine, die Uhr oder die Infinitesimalrechnung zu erfinden ? Der breite Pazifik ?
Die Krux mit geographischen Erklärungen wie die von Ian Morris (oder auch von Jared Diamond in seinem Buch "Guns, germs and Steel") ist, dass sie auf den ersten Blick bestechend wirken, doch wenn man dann mal genauer hinschaut, und sich Fragen wie die oben genannten stellt, dann fallen sie recht schnell in sich zusammen.
Geschichte ist eine komplexe, oft genug auch eine schmutzige Angelegenheit, und wer sie erklären will, sollte einen multidimensionalen Ansatz wählen. Kultur etwa ist ein wesentlicher Faktor; sie lässt sich nicht unter "Geographie" oder "Soziologie" subsummieren.
Daher mein Fazit: dieses Buch ist auf jeden Fall lesenswert, aber eine tragfähige Antwort auf die Frage, warum der Westen den Rest der Welt beherrschte, sollte man bei Ian Morris nicht erwarten.