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Liebevoll baut Susanne Mischke ihre Figuren vor dem geistigen Auge der Leserschaft auf, mit all ihren Schrullen und Schwächen. Hat nun die alte Pauly Dreck am Stecken und hat nun die Gärtnerin, ohne es zu wollen, die buchstäbliche Leiche wenn schon nicht aus dem Keller, so doch aus dem Garten geholt? Schon die Ausflüchte der Dame sind köstlich: Der Hund habe die Knochen vergraben. Die Antwort: "So tief gräbt kein Hund!" Aus. Und Rosa wird öfter fündig. Dass es menschliche Schädel sind, die sie da aus dem Garten holt, beseitigt jeden Restzweifel. Natürlich sind diese Menschen keines natürlichen Todes gestorben. Sonst lägen sie ja auf einem Friedhof. Das Ganze wird zum Krimi. Und dann verschwindet die alte Dame auch noch. Mit einem Freund, der etwas von Gerichtsmedizin versteht und Beziehungen hat, geht die Gärtnerin der Sache nach, bis das unglaubliche Ergebnis feststeht. Dieses betrifft ihre eigene Familie mehr als sie zunächst erwartet hat; -- unvermittelt hat die Gärtnerin die eigene blutige Vergangenheit ausgegraben. All das erzählt Susanne Mischke mit viel schwarzem Humor, für den man schon einen Sinn haben muss. --Corinna S. Heyn -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Zwei Krimis aus deutscher Vergangenheit
Der Kriminalroman ist eine ehrenwerte Gattung, und ungefähr alle zwei Jahre muss diese Ehre gerettet werden. Auf viel Papier stimmen Apologeten aus den unterschiedlichsten Lagern dann das Loblied auf jene Literatursorte an, die ihrer Meinung nach nur von intellektuellen Snobs mit dem Etikett «trivial» versehen wird; sie zitieren Gertrude Stein («Der Kriminalroman ist die einzig wirklich moderne Form des Romans») oder Wittgenstein («Wenn die USA uns keine Detektivhefte liefern, dann können wir ihnen auch keine Philosophie liefern»), sie erinnern daran, dass Geistesgrössen wie Ernst Bloch oder Bertolt Brecht dem viel geschmähten Genre ganze Abhandlungen gewidmet haben.
Fester Bestandteil derartiger Plädoyers ist die Aschenbrödel-Passage. Unter seinem armseligen, weil ewig gleich gemusterten Mäntelchen, so die These, verbirgt der Krimi mehr oder weniger unfreiwillig sein wahres Ich. Und das ist natürlich alles andere als armselig und ewig gleich gemustert, sondern geradezu dazu bestimmt, in illustrer Gesellschaft bewundert zu werden. Was als U daherkomme, sei im Grunde nämlich E, ja für einige stellt der Kriminalroman sogar die einzige literarische Form dar, die der komplexen Realität noch gerecht wird. Das klingt wunderbar, wenn man davon absieht, dass «Realität» ein ziemlich schwammiger Begriff und eine zerstückelte Leiche in der Tiefkühltruhe nicht unbedingt jedermanns Realität ist. Fest steht jedenfalls: Wer heute als Krimiautor etwas auf sich hält, benutzt Mord und graue Zellen nur als Mittel zu höherem Zweck. Henning Mankell übt in seinen Wallander-Romanen Sozialkritik und macht auf das Problembündel Mann/müde/Midlife-Crisis aufmerksam, während Donna Leon sich mit ihren Venedig-Aventüren offensichtlich ganz der Tourismusförderung verschrieben hat.
Auch Anne Chaplet und Susanne Mischke wollen mehr bieten als simple Storys der Marke «Whodunit». Beide beschäftigen sich in ihren Romanen mit der Vergangenheit, genauer: mit der deutschen und damit braunen Vergangenheit. Beide geben sich dem Thema entsprechend wenig humorvoll, und beide würzen dafür kräftig mit Populärpsychologie (weibliche Selbstfindung, Traumabewältigung, Beziehungskisten usw.). Während in Susanne Mischkes «Wer nicht hören will, muss fühlen» lediglich Stammbäume zerzaust werden, drohen die Schwierigkeiten mit dem historischen Erbe bei Anne Chaplet buchstäblich die Republik zu erschüttern. «Nichts als die Wahrheit» spielt hauptsächlich in Bau-Boom-Berlin. Anne Burau, gewesene Biobäuerin und frischgebackene Abgeordnete, gerät, kaum hat sie sich mit den (Un-)Sitten und Gebräuchen des Bundestages vertraut gemacht, in einen parlamentarischen Sumpf aus Intrigen, Neid und Verrat. Es geht um Geld, um viel Geld, für dessen Verwaltung Anne als Vorsitzende der Kommission zuständig ist, die sämtliche Bauvorhaben der Regierung verantwortet. Annes unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommener Vorgänger scheint der richtige Mann für diese Aufgabe gewesen zu sein, sie hingegen stolpert über einen Nazibunker nach dem andern. Denn wer in Berliner Boden buddelt, stösst bei Anne Chaplet unweigerlich auf unangenehm beständige Überbleibsel aus dunkler Zeit, die kosten den Staat Millionen und manche krimigerecht das Leben.
Dass sie ihr Handwerk beherrscht, braucht Anne Chaplet nach «Caruso singt nicht mehr» und «Wasser zu Wein» nicht mehr zu beweisen. Sie weiss, wie man Spuren legt, Spannung aufbaut und Figuren in Menschen verwandelt. Dass sie diesmal dennoch nicht überzeugt, hängt mit einem Rezept zusammen, an das sich auch Autoren halten sollten, die das Krimikorsett aus Prinzip locker geschnürt tragen. Das Rezept lautet: Alles mit Mass, sonst verliert der Motor des Kriminalromans, das Rätsel, an Triebkraft.
Anne Chaplet möchte zu viele Geschichten mit zu vielen Protagonisten aus zu vielen Perspektiven erzählen. Da ist zunächst Anne, die fast wider Willen von der Aus- zur Aufsteigerin mutiert, sich in ihrer kalten Berliner Amtswohnung nach dem Blöken ihrer Schafe und nach einem männlichen Bettwärmer sehnt. Da ist das Chaplet-Lesern bereits bekannte Duo Karen Stark und Paul Bremer, von dem die eine als ermittelnde Staatsanwältin und schliesslich als Dea ex machina in Aktion tritt, der andere einsam in seinem «Kuhkaff» sitzt und der selbigem «Kuhkaff» untreu gewordenen Anne nachtrauert. Dann gibt es allzu neugierige Journalisten, die mit Minderwertigkeits- oder sonstigen Komplexen kämpfen, es gibt einen amerikanischen Waffenfreak mit Kriegswunden und, und, und. Anne Chaplet hüpft erzählend von einem Kopf in den nächsten. Sie schickt mal hier einen Hobbydetektiv ins unterirdische Berlin, mal glänzt dort etwas im Bauschutt, wichtige Indizien unterschlägt die Autorin jedoch, was unter Krimifreunden als Kapitalverbrechen gilt. Überdeutlich ist einzig die Botschaft: Das Gewesene lässt sich nicht einfach so zupflastern, auch wenn die Zeichen im neuen Deutschland voll auf «Fit for Fun & Future» stehen.
In Susanne Mischkes «Wer nicht hören will, muss fühlen» wird ebenfalls heftig gegraben. Zutage kommen dabei allerdings keine Betonklötze, sondern Menschenknochen. Ein Häuflein davon findet die junge Gärtnerin Rosa im Garten der alten Luise Pauly. Wer wie weshalb unter Frau Paulys gepflegten Rasen geraten ist, bildet den einen Teil des Geheimnisses, das die Protagonistin zu lösen gedenkt, die Frage, wohin und warum Rosas Mutter vor 25 Jahren verschwunden ist, den anderen. Der Autorin liegt überdies das Thema «Wie überwindet frau Mitte Dreissig ihre Bindungsängste?» am Herzen, und aufgeputzt wird das Ganze durch ein Greuelmärchen aus der Nazizeit. Auch Susanne Mischke versteht sich auf die Krimidramaturgie, rein technisch gesehen ist die Mischung aus Ehebruch-, Inzest- und Detektivgeschichte durchaus gelungen. Doch fehlt diesem Roman, was Anne Chaplet im Überfluss zu bieten hat: Atmosphäre. Anne Chaplet schafft es, mit wenigen Sätzen Stimmungen einzufangen, sei es die Hektik unter der Bundestagskuppel oder die Aura eines Hitler-Tempels. In Susanne Mischkes Roman hingegen scheint das Rendez-vous im Gewächshaus unter genau denselben Bedingungen stattzufinden wie der Nachmittagstee mit der Grosstante im Altersheim.
Die Figuren haben mehr Funktion als Charakter, vom harmoniebedürftigen Familienvater bis zum heimlichen jüdischen Geliebten. Und während die deutsche Vergangenheit bei Anne Chaplet immerhin eine imposante Kulisse bildet, bleibt sie bei Susanne Mischke ein Requisit unter vielen. Sowohl «Nichts als die Wahrheit» als auch «Wer nicht hören will, muss fühlen» fallen in den Bereich des soliden Mittelmasses. Im Gegensatz zu manchen anderen solid mittelmässigen Romanen zwingen diese beiden den Leser aber bis zur letzten Seite durchzuhalten, die Krimi-Elemente machen's möglich. Womit zwar nicht unbedingt diese Romane, aber sicher die Gattung wieder einmal gerettet wäre.
Sacha Verna -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Spannende, emotionale skelettierte Zeitreise,
Rezension bezieht sich auf: Wer nicht hören will, muss fühlen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Eine perfekte Mischung aus Crime, Sex, Spannung, Emotion und Liebe. Zu Anfang stellt der Wechsel,der auf unterschiedlichen Zeitebenen angelegten Handlungsstränge, ein verstärkten Anspruch an das Konzentrationsvermögen. Dies wird jedoch ausgeglichen durch die brilliant, teils irionisch witzig, teils erotisch als auch makaber anmutenden, in sich klar konzeptionierten, Handlungsträger. Das Buch läßt eine klaren Spannungsaufbau erkennen und gibt nach und nach, fein dosiert, die Hintergründe der Handlung preis. Das Werk lässt keinen Moment Langeweile aufkommen und fesselt den Leser bis zu lezten Seite und darüber hinaus.
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Spannung und schwarzer Humor vom feinsten,
Rezension bezieht sich auf: Wer nicht hören will, muß fühlen: Roman (Taschenbuch)
"Wer nicht hören will, muß fühlen" ist einer der besten deutschen Krimis, die ich seit Jahren gelesen habe: ein Muß für jeden Krimiliebhaber. Raffiniert verwebt Susanne Mischke die Schicksale ihrer Figuren, entführt uns in die dunkle Vergangenheit von Else Pauly ebenso gekonnt wie in das Leben der unkonventionellen Friedhofsgärtnerin Rosa, läßt uns mitfiebern und über die skurrilen und liebenswerten Frauengestalten schmunzeln. Liebe und Hochspannung von einer deutschen Autorin, die nicht nur ihr Handwerk versteht, sondern es mit ihrem herrlichen Hang zum schwarzen Humor mit den Besten unter den englischen Crimeladies aufnehmen kann. Lesen!
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
sehr spannend - ganz tolles Buch!,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Wer nicht hören will, muß fühlen: Roman (Taschenbuch)
Hab das Buch durch Zufall gekauft und ich war selten von einem Buch so begeistert wie von diesem!Es ist spannend, unterhaltsam, witzig und einfach toll! Die Familiengeschichte ist sehr verstrickt und löst sich dann am Ende des Buches auf... Ich fand's richtig schade dass das Buch schon zu Ende war und ich nicht weiter lesen konnte! Wirklich nur zu empfehlen! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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