"Ich bin Muslim, ja, aber ich bin auch vieles andere. Der Satz 'Ich bin Muslim' wird also in dem Augenblick falsch, ja geradezu ideologisch, wo ich mich ausschließlich als Muslim definiere - oder definiert werde. Deshalb stört es mich auch, dass die gesamte Integrationsdebatte sich häufig auf ein Für und Wider des Islams reduziert - als ob die Einwanderer nichts anders seien als Muslime. Damit werden alle anderen Eigenschaften und Faktoren ausgeblendet, die ebenfalls wichtig sind: woher sie stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen werden, was sie gelernt haben."
Der Kölner Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani zählt nicht nur wegen dieser Analyse, die er in seinem vorliegenden Essay von allen Seiten beleuchtet und ausführt, zu den herausragenden Stimmen innerhalb der Diskussion um den Islam in Deutschland, eine Stimme, der leider noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, denn die einfachen und schnellen Analysen und Einschätzungen haben Konjunktur. Die von Wolfgang Schäuble durchgesetzte "Islamkonferenz", der Kermani auch angehört und aus deren Arbeit er auch in diesem Buch mit positiven Worten berichtet, hat hier ein deutliches Zeichen gesetzt in einer Entwicklung, die unbedingt weiter gehen muss, und für die Navid Kermani mit diesem Buch einen Beitrag leisten möchte.
Dabei schreibt Kermani nicht nur über die Situation in Deutschland und über weite Teile des Buches auch immer wieder über seine eigene Biographie und die auch religiöse Geschichte seiner Familie, sondern er liefert dem Leser wichtige Einblicke in den Islam überhaupt. Ernüchternd ist, wenn er etwa schreibt, wie desolat der Zustand des Islam ist:
"Wie katastrophal etwa der Zustand der Theologie ist ! Nehmen wir die Azhar-Universität in Kairo, die größte religiöse Institution des sunnitischen Islams. Nein, sie ist keine Kommandozentrale im Krieg gegen den Westen. Im Gegenteil: Der oberste Scheich der Azhar-Universität sagt jeden Tag und jede Freitagspredigt Nein zum Terror und tut alles, was seine Regierung und die westlichen Medien von ihm verlangen. Er versteht sich als Bollwerk gegen die Fundamentalisten. Aber - und das steht beispielhaft für die Lage des Islams - das intellektuelle Niveau, auf dem innerhalb der zentralen religiösen Autorität der sunnitischen Muslime über Religion nachgedacht wird, dürfte von den meisten evangelischen Gemeindepfarrern übertroffen werden. Die intellektuelle Auszehrung des orthodoxen Islam - dessen einstige Beweglichkeit einen nur staunen machen kann -, dieser Niedergang einer hochstehenden religiösen Kultur ist es, was den Fundamentalismus erst ermöglicht hat. Der Fundamentalismus ist nicht in der Orthodoxie entstanden, sondern er ist die Antwort auf die Krise der Orthodoxie. Weil die Orthodoxie keine Antworten mehr gab, hat sich in den städtischen Mittelschichten der politische Islam herausgebildet."
Navid Kermani verweist wie schon vor einigen Jahren Dan Diner in "Versiegelte Zeit" auf den "Arab Human Development Report" der UNO, der auf vielen Feldern den Niedergang der meisten arabischen Gesellschaften beschreibt. Und er beschreibt die unsägliche Talk-Show-Kultur, wo auf niedrigstem Niveau immer wieder schablonenhaft falsch über den Islam und über Integration geredet wird und gesteht auch seine teilweise Ratlosigkeit ein, wenn er etwa formuliert:
"Wer es gut meint mit den Muslimen, führt die erfolgreichen Beispiele ihrer Integration auf - aber Terroristen werden nicht dadurch zur Besinnung gebracht, dass sie eine verschwindende Minderheit bilden."
Auch die oft erhobene Forderung nach einer Reform des Islam, einer islamischen Aufklärung, einem islamischen Luther greift nicht weit. Denn es ist eine Illusion zu glauben, eine endlich mit den Menschenrechten kompatible Version des Islam werde dem Terrorismus den Boden entziehen. Auch er habe, so Kermani, zusammen mit Gilles Kepel etwa, lange geglaubt, der Islamismus habe seinen Zenit überschritten.
"Nicht vorausgesehen hatten wir, dass es den radikalsten Kräften gelingen könnte, die Ideologie des Glaubenskrieges durch ihre Globalisierung neu zu beflügeln."
Eine nachdenkliche, ruhige, differenzierte Stimme versucht sich hier öffentliches Gehör zu verschaffen, eine Stimme, der man wünscht, dass sie viele Menschen überzeugt davon, dass es nötig ist, von den einfachen Lösungen weg zu kommen. Nötig sei es vor allem, so Kermani, endlich zu akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Nötig sei ein Konzept zu verinnerlichen eines Deutschland, dem der Islam zumindest potentiell angehört.
Kermanis Buch hält dem gegenwärtigen Deutschland so etwas wie den Spiegel vor, in dem es sich so jedenfalls noch nie gesehen hat: toleranter und zugleich ängstlicher, dynamischer und auch widersprüchlich.
Seine Stimme ist wertvoll in einer Situation, in der die Akteure in den Talk-Shows sich nur noch abgegriffene und falsche Stellungnahmen um die Ohren hauen.
Wir haben eine Gesellschaft mit vielen Kulturen. Das ist eine Tatsache. Man muss das nicht ideologisch als "multikulti" überhöhen, sondern es geht darum eine Gesellschaft zu gestalten, in der diese Kulturen zusammenleben können, allerdings - und da lässt Kermani nicht den Hauch eines Zweifels - auf dem Boden und mit den Werten der freiheitlich-demokratischen Verfassung.