Eins vorneweg: "Wer hat Angst vor Niketown?" sollte man mal gelesen haben. Wem markenspezifische (Über-)Lebensangebote am A*** vorbei gehen, der kann sich in diesem Buch darüber informieren, was man da tatsächlich nicht verpaßt hat.
Dr. Friedrich von Borries (Bj. 1974), bekennender Sneaker-Träger und somit selbst potentielles "Opfer", zeigt sehr schön einige offene bzw. verdeckte Marketing-Mechanismen solcher Großkonzerne auf, die sich bewusst auf Zielgruppen stützen, deren Teilnehmer ihre Lebenssituation nur oberflächlich reflektieren wollen oder können (was sich ja durch sämtliche Bevölkerungsschichten zieht). Und Borries spielt dort sämtliche Stärken seiner Argumentation aus, wo er, der "Raumtaktiker" (Soll das ein Stadtplaner mit erweiterten Kompetenzen sein?) sozusagen aus dem Nähkästchen plaudert und "raumtaktische" Strukturen des Marketings beschreibt (Nutzung bzw. Infiltration vorhandener Lebenswelten inkl. politischer Gebilde; parasitäre Nutzung von politischen und historisch gewachsenen Strukturen im öffentlichen Raum; Einbindung von Zielgruppen und deren soziale Kontexte, Interessen und Versammlungsorte in Marketingstrategien etc.).
Unser "Raumtaktiker" versucht manchmal auch, diese Erkenntnisse zu extrapolieren (oder besser: weiterzuspinnen), was aber nicht selten in die Hose geht. "Niketown" als regelstiftende Superstruktur im gesellschaftlichen Raum ist nur dann denkbar, wenn andere möglichen (weil strategietechnisch gleichwertige) Superstrukturen entweder strategisch kongruent oder nicht vorhanden sind. Will heißen: Störungen müssen ausgeschlossen sein, um eine lineare Kausalität zu begründen (siehe: E. Mach bzw. M. Serres "Der Parasit"). Aber den Fokus auf EINEN Weltkonzern zu legen und darauf dann eine Art Dystopie aufbauen zu wollen ist von vielen Science Fiction-Autoren spannender und überzeugender umgesetzt worden.
Borries formuliert seine Thesen und Beobachtungen eigentlich sehr gut und man könnte das Buch eigentlich in wenigen Stunden zügig durchgelesen haben. Aber: An einigen Stellen schwelgt der Autor im modischen Diskurston übermütiger Jungakademiker. Er nervt gelegentlich mit Konstruktionen wie: "Für das Verständnis der Funktionsweise der urbanen Markenerlebnisräume ist vielmehr von Relevanz, dass neben der fremdreferentiellen Identitätskonstruktion durch die affirmative Konsumption und Rekombination präformierter Identitätsfragmente die innenbezogene Selbstwahrnehmung in der aktiven Teilnahme an einem Erlebnisangebot ein weiterer wichtiger Bestandteil der Identitätsdefinition ist." Wen will er damit beeindrucken? Sowas ist zwar noch nicht ganz so inhaltsleer wie vergleichbare selbstverliebte Wucherungen in manchen De:Bug- oder Testcard-Artikeln, aber solche Geräusche hat Borries eigentlich nicht nötig, wie er im Rest des Buches beweist; er kann sich auch glaubwürdiger ausdrücken. Schlimmer noch sind aber Ausbrüche wie "Simulation ist Realität. Realität ist Simulation." Damit kann man sich nun wirklich nur noch die Haare föhnen. Borries versäumt es gelegentlich, solches Geschwätz wirklich mit Leben zu füllen; z.B. ahnt man erst mit Unterstützung durch die (recht üppige und vielgestaltige) Literaturliste, dass er sich hier wohl auf den Simulationsbegriff nach Bourdieu bezieht. Solcher Umgang mit beliebten Großbegriffen beeindruckt nur noch Studienanfänger der Medienwissenschaften.
Also: Wer sich am zeitgenössischen Diskurs-Singsang nicht stört und bislang noch keine SF-Literatur gelesen hat, der wird das Buch mögen. Es fördert zumindest die konsum- bzw. gesellschaftskritische Sehschärfe. Und das ist gut so. Auch hier ;)
So, und jetzt geh ich shoppen.