"Wer dem Tode geweiht" ist Georges 16. (genaugenommen der 15., denn "Am Ende war die Tat" stellt einen kleinen Exkurs dar) Inspector-Lynley-Roman und, trotz aller Kritik, die nun folgen wird, hoffentlich nicht ihr letzter. Schon lange gehöre ich zur Gemeinde der treuen Stammleser - meinen ersten Lynley habe ich irgendwann Mitte der 90er gelesen und mich seither durch die komplette Reihe geschmökert.
Auch diesmal fährt Elizabeth George wieder ihr gesamtes Können auf und nach Beenden der 830 Seiten starken Lektüre bin ich mir darüber im Klaren, einen gut geschriebenen und gut durchdachten Kriminalroman gelesen zu haben - aber eben keinen Inspector-Lynley-Roman. In diesem Punkt wurden meine Erwartungen enttäuscht, denn George hat ihre beiden Hauptfiguren regelrecht kaputtgeschrieben. Fans der Reihe dürfte klar sein, dass sich die Person des Thomas Lynley nach dem gewaltsamen Tod seiner geliebten Frau würde ändern müssen, damit die Geschichte glaubhaft bleibt, doch der Lynley, den George uns hier in ihrem aktuellen Roman präsentiert, ist nicht wiederzuerkennen. Sie weist ihm eine Nebenrolle zu und er wirkt gleichgültig und tölpelhaft. Man weiß, dass er trauert, doch man spürt es nicht. Allzu willig lässt er sich von der neuen Chefin seines Teams als Chauffeur und Jasager einspannen und seine Loyalität scheint einzig dieser Frau zu gelten, für das Wohl seines alten Teams und seiner Kollegen setzt er sich nur halbherzig ein. Isabelle Ardery ist alles andere als eine fähige Polizistin: sie hat ein heimliches Alkoholproblem, von dem Lynley weiß, ihr Privatleben verhagelt ihr die Laune und alles, was sie will, ist es, den Posten des Superintendent zu ergattern. Dazu ist sie gerne bereit, die Fakten ihres aktuellen Falles so hinzubiegen, dass es für sie passt. Das ganze Team begehrt gegen diese Frau auf, doch Lynley bleibt ihr gegenüber loyal - das soll verstehen wer will.
Und auch Havers hat von der Autorin einen Maulkorb verpasst bekommen, ist bei weitem nicht so bissig und stur wie sonst. Sie lässt sich von der neuen Chefin ohne zu murren wegen ihres Äußeren zurechtstutzen und begibt sich auf Einkaufstour, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, gegen diese Art der Mitarbeiterführung aufzubegehren.
Ich weiß, dass zu einer guten Geschichte auch Figuren gehören, die nicht sympathisch sind und einem auch nicht schnell ans Herz wachsen wollen, doch meistens handelt es sich dabei um Randerscheinungen, von deren Existenz man weiß, mit denen man sich aber nie so explizit rumärgern muss. Mit Isabelle Ardery hat George eine solche Figur geschaffen, die absolut nichts Liebenswertes an sich hat oder auch nur einen Hauch von Verständnis beim Leser hervorruft, da sie ständig überreizt ist und unfair ihren Mitarbeitern gegenüber. Doch leider scheint sie eine neue Hauptfigur der Reihe zu werden, was die Geschichte um Lynley und Havers in meinen Augen zerstören könnte.
Ich fasse also zusammen: die Kriminalgeschichte an sich gefiel mir, aber der Verlauf, den die Geschichte um Lynley und Havers nimmt, vermag mich nicht zu begeistern.
Daher setzt sich die Wertung auch aus diesen beiden Komponenten zusammen: 4 Sterne **** für die Kriminalgeschichte an sich, aber nur 2 Sterne ** für die Weiterentwicklung der bekannten Charaktere und die Einführung einer neuen Protagonistin.