Knud Romer Wer blinzelt hat Angst vor dem Tod
Insel Verlag ISBN 3458173609
Knud, das Schwein, wird er in der Schule gerufen!
Magische Zeiten der Zerstörung an Leib und Seele beschwört Romer herauf, als er seiner Familiengeschichte nachgeht.
Aus kleinen Bausteinchen hat er das Puzzle seiner Familien zusammengefügt.
Die Eltern hatten sich in den Kriegswirren in Dänemark gefunden und ihr Glück miteinander versucht.
Der Vater ist ein pedantischer, zwanghafter und von Sicherheitsbedürfnis und Ordnung geprägter Charakter.
Die Mutter, eine Deutsche, wurde schon als Kind von frühen Verlusten getroffen.
Bei seinen Nachforschungen trifft Romer auf die Großeltern väterlicherseits, die arme Schlucker gewesen sind. Die großartigen und aufgeblähten Pläne des Großvaters endeten stets im Nichts. Eine Pleite folgte der anderen. Zuletzt sitzt er nur noch auf einer Bank, und schaut den Zügen hinterher,--ins Leere!
Das behütete Zuhause der Mutter zerbricht, als der Vater viel zu früh stirbt. Seine Großmutter gab aus Not dem Werben eines Mannes nach, Papa Schneider wird er genannt. Ihm sind die Schmisse ins Gesicht geschrieben und Granatsplitter wachsen aus seiner Haut.
Seine Mutter wird als kleines Mädchen zu bigotten und religiös-fanatischen Verwandten in Pflege gegeben bis das neu vermählte Paar ein erstes eigenes Kind bekommen hat.
Nach dem Verlust ihres Verlobten im Krieg findet die Mutter Arbeit in Dänemark, wo sie ihrem späteren Mann begegnet.
Sie leben in einem kleinen Ort. Schon bald zeigt sich die Feindschaft, mit der man Deutschen begegnet und Knud wird gemieden, verlacht und verhöhnt, als er die Schule besucht.
Deutsche Manieren, Gewohnheiten und seine Kleidung stempeln ihn zum Außenseiter.
Deutsche galten in Dänemark als Verräter und Feinde. Ironie des Schicksals: der Verlobte der Mutter wurde als Kriegsverbrecher und Widerstandskämpfer 1942 hingerichtet!
In dem Kleinstadtkosmos, in dem das Paar mit seinem Sohn lebt, bleiben sie Fremde und werden von jeder Gemeinschaft ausgeschlossen. Das Leben läuft in einem ewig eintönigen Einerlei immer nach dem gleichen Schema ab.
In den desolaten Familienzeugnissen bildet alleine die Mutter ein Bild der Güte. Zugleich bleibt die Liebe der Eltern überraschend für einen Sohn, der sich in den Netzen einer Familiensaga verfangen hat, in der es von Verlierern und sich gegenseitig zerstörenden Gestalten nur so wimmelt.
In lakonischen, kurzen Sätzen, die der Kargheit der dänischen Landschaft entsprechen, wird ein Kapitel deutsch-dänischer Geschichte aufgeschlagen, das durch Feindseligkeit und Ablehnung gekennzeichnet war.
Knud Romer hat den Mut gefunden, über seine Erlebnisse zu berichten. Seine Familiengeschichte spiegelt ein Jahrhundert wieder, in dem außer den charakterlichen Eigenheiten der Menschen die Kriegsfolgen zweier Weltkriege das Leben in unvorhersehbare Bahnen abdriften ließ. Mit ernsten, amüsanten und ironischen Worten charakterisiert Knud Romer die einzelnen Figuren seiner Familie.
Nichts wirkt larmoyant oder tränenreich. Die trockene und knappe Erzählweise trägt sogar gelegentlich humorige und komische Züge. Mit viel Sinn für skurrile Charaktere ist eine Geschichte entstanden, die einzigartig in ihrer Tragik, dem Humor und der drögen Ehrlichkeit ist, mit der Romer sein Leben und das seiner Familie kritisch unter die Lupe genommen hat.
In Dänemark hat das Buch einen Skandal ausgelöst, weil endlich einmal beim Namen genannt wurde, was lange unter der Decke des Schweigens verborgen blieb: eine unausgesprochene Feindschaft, in der sich die beiden Völker verfangen hatten.
Der Autor ist ein hervorragender Werbefachmann in seiner Heimat. Nach einem Absturz in den Alkohol hat er mit seinem Debütroman einen Akt der Befreiung feiern können.