Carr zeichnet auf der Basis der Neuroplastizität des Gehirns und seiner Reaktion auf die verschiedenen Arten von "Werkzeugen" die historische Entwicklung nach, ehe er vertieft auf die Folgen des Internet eingeht.
Das Buch stellt insofern inhaltlich eine Fortsetzung der Ausführungen von Manfred Spitzer dar, der die elektronischen Medien sinngemäß als "pädagogisch nicht artgerecht" im Vergleich zur bisherigen Entwicklung des menschlichen Gehirns bezeichnet hat.
Bezüglich der Thematik, sich auf Sachverhalte zu konzentrieren bzw. beim Verfolgen von Gedanken "den Faden nicht zu verlieren", behandelt Carr zwei Aspekte:
1. Der Mensch reagiert biologisch-ursprünglich zunächst nur auf Veränderungen in seiner Umgebung, kann konstante Reize oder sehr langsame Veränderungen oft gar nicht mehr wahrnehmen, weil er nur so vor Gefahren geschützt ist oder Beute machen kann.
Er kann sich also gar nicht auf eine Tätigkeit, auf einen Aspekt konzentrieren, weil er mit allen Sinnen auf andere Reize achten muss.
Das sind keine guten Voraussetzungen, überhaupt einem "roten Faden" zu folgen.
Die Fähigkeit, einem "Faden folgen" zu können, ist also das Ergebnis kultureller Evolution, ist eine Folge der Kulturtechnik "Schrift" - soweit man Carr und dem von ihm zitierten Quellen folgt.
2. Diese Fähigkeit wird in unseren Tagen durch die elektronischen Werkzeuge wieder in Frage gestellt; Beiträge bzw. Gedankengänge im Radio - Ausnahmen wie der Deutschlandfunk bestätigen die Regel -, Fernsehen, aber auch in den Printmedien, werden immer kürzer oder oberflächlicher, weil die Menschen zunehmend nicht mehr in der Lage sind, längeren, differenzierten Argumentationen zu folgen, wobei man darüber streiten kann, was Ursache, was Wirkung ist - zumindest bedingen sich beide Feststellungen wechselseitig!
Letztlich ist es aber das durch das Internet geförderte Multitasking, das dem Gehirn und damit den Menschen Fähigkeit und Bereitschaft nimmt, Gedanken von längerer Dauer zu folgen.
Die Philosophie gehört zu den wenigen Disziplinen, die diesem Trend entgegen wirken; sie stellt aber in dieser Beziehung so etwas wie eine "Insel der Seligen" dar...
Diese von Carr ausgeführten Aspekte haben bereits ein kritisches Stadium erreicht: Wir sprechen nicht über abstrakte Gegebenheiten, sondern über eine konkrete - bedenkliche - Entwicklung.
Oder mit Stanley Kubrick: Wenn wir die Welt nur durch den Computer begreifen, verkommt unsere eigene Intelligenz zur künstlichen Intelligenz!
Das Buch ist ein im positivsten Sinne amerikanisches Sachbuch, also lesbar und verständlich, ohne dass man auf die ausführliche Bibliographie zurückgreifen muss; es besitzt aber Tiefgang, wenn man den angedeuteten Zusammenhängen auf den Grund geht.
Allerdings habe auch ich inzwischen den Eindruck, dass man das Buch besser im Original lesen sollte, denn es verwirrt eher als dass es weiterhilft, wenn man Marshall McLuhans "Understanding Media" mit dem völlig unbekannten Titel der deutschen Übersetzung "Die magischen Kanäle" (ohne Fußnote!) angibt...