Zugegeben, dieses Buch ist nett aufgemacht, die Zeichnungen sind schön farbig und versuchen, Bild für Bild, die physiognomischen Ausdruckszonen leicht lokalisierbar machen.
So weit so gut.
Was in diesem Buch allerdings vollkommen fehlt, sind die Grundlagen dieser Erfahrungswissenschaft, z.B. die 'Kraft-Richtungs-Ordnung', die die formenden Energien beschreibt. Erst wenn man dieses Prinzip verstanden hat, macht die Psycho-Physiognomik und die Betrachtung der menschlichen Körperformen wirklich Sinn. Auch so etwas wie 'Gewebequalitäten' und 'Strahlung' scheinen den Autor nicht zu interessieren - in seinem Buch geht es auschließlich um Formen, allerdings erklärt er nicht, wie diese Formen entstehen.
Was mir persönlich aber ganz entschieden mißfällt, ist, daß der Autor sich auf ziemlich unverfrorene Weise mit fremden Federn schmückt.
So wird beispielsweise der eigentliche Urheber der ausgereiftesten und differenziertesten Psycho-Physiognomik (auf deren Basis Physiognomik heute gelehrt wird), nämlich CARL HUTER, nur in einem Satz erwähnt (gewissermaßen: es gab da auch mal einen Carl Huter, der auf diesem Gebiet tätig war), obwohl sich der Autor in der Terminologie (z.B. mit den Begriffen "Bewegungs-, Empfindungs- und Ernährungsnaturell") und den Inhalten (Ausdruckszonen in Kopf und Gesicht) fast ausschließlich an Carl Huters Forschungen und Lehren orientiert. Dennoch stellt der Autor die vermittelten Inhalte als "sein System" (das 'Schneemann-System') hin.
Daß der Autor die Inhalte des Buches selbst durch eigene Forschung herausgefunden haben will, halte ich für mehr als zweifelhaft - allenfalls dürfte er die Lehren Huters als praktizierender Physiognom bestätigt gefunden und sich gedacht haben, es sei clever, dies als eigenes 'System' patentieren zu lassen und in einem eigenen Buch zu veröffentlichen. Vielleicht passiert das besonders leicht, wenn man, wie der Autor, eigentlich Unternehmer ist und "ein Leben auf der Überholspur" führt, wie der Autor über sich selbst schreibt.
Als 'sein System' kann man allenfalls seinen Versuch betrachten, das von Huter entwickelte und ohnehin schon gut lernbare System in seiner eigenen Art zu strukturieren und darzustellen - manchem mag seine Art der Darstellung liegen; mir persönlich liegt sie ganz und gar nicht, weil ihr, wie oben erwähnt, vollkommen das sinngebende Fundament fehlt.
Und noch etwas: Die Kopf- und Gesichtsausdruckszonen in diesem Buch gleichen auf frappierende Weise den Darstellungen aus dem Buch 'Wege zur Menschenkenntnis', dessen Autorin, Frau Elsa Frank, bereits vor vielen Jahren verstorben ist. Ihr Buch hat momentan keinen offiziellen Verlag - inoffizielle Exemplare davon sind nur über physiognomische Kreise zu beziehen. Anscheinend lag dem Autor ein Exemplar davon vor, als er sein Buch verfaßt hat. Bezeichnend ist für mich allerdings, daß der Autor, obwohl er aus dem erwähnten Buch die Darstellungen der Kopfausdruckszonen fast 1:1 übernommen hat, den Namen 'Elsa Frank' und ihr Buch keiner Erwähnung für würdig hält. Auch ein sonstiges Literaturverzeichnis sucht man vergebens, so als hätte er 'auf der grünen Wiese' angefangen und 'sein System' vollkommen eigenständig und neu entwickelt.
Diese Art mit dem Wissen anderer umzugehen stärkt nicht gerade mein Vertrauen in die Richtigkeit der in diesem Buch gemachten Aussagen (einige davon halte ich übrigens auch für falsch). Wahrhaftige und ernstzunehmende Psycho-Physiognomik setzt eben doch - neben Reife, Anstand, Taktgefühl und Menschenliebe - Seriosität und Integrität unbedingt voraus - und Respekt vor dem, was andere vorher entdeckt, entwickelt und erreicht haben.
Nach der Lektüre dieses Buches kommen mir erhebliche Zweifel, ob man dem Autor insbesondere die letztgenannten Eigenschaften attestieren kann.