Soviel vorweg: es steht zu vermuten, dass es Leser gibt, die sich noch während oder aber spätestens nach der Lektüre von 'Wer Wem Wen' fragen könnten 'Was Wie Wo'. Die Bedauernswerten. Die würden dem Buch wahrscheinlich vorwerfen, dass es mal geradeaus geht, dann plötzlich um die Ecke, dann einen verschneiten Hang runter kobolzt und schließlich, überraschend, sich in eine klamme Klamm stürzt. Und dort ein höchst verstörendes Ende findet. Naja, und dass es ziemlich kurz ist. Was fast alles stimmt.
Wer aber nicht immer Literatur mit dem Germanisten-Geigerzähler auf Kontaminierungsspuren durch hell strahlendes Überraschungsmaterial untersucht; wem Bücher mit vermindertem Klagenfurz-Faktor gerade recht sind; wen es nicht stört, dass einerseits manche Figuren vielfächrig, mehrdimensional und ' für so eine knappe Novelle - erstaunlich tief strukturiert sind, während andere genauso entschieden eindimensional bleiben, wie wir das aus dem richtigen Leben nur allzu schmerzhaft kennen, der soll sich das Buch halt einfach kaufen.
Borowiak hat ja schon mit seinem 'Alk' bewiesen, dass er Fachbücher schreiben kann, die zum Schreien komisch und zum Weinen präzise zugleich sind. Und jetzt macht er das halt einfach mal in relativ kurzer Prosa. Und das ist beim Lesen so, als wenn man einem sprachlichen Schnelljongleur zuschaut. Einer der schreibend Nitroglyzerin befüllten, explosionsgeneigten Sachen die Schwerkraft abgewöhnt - während er auf einem Bein auf einem Pferd steht, das auf zwei Vorderläufen Schlittschuh fährt. Jede Menge Gelegenheiten peinlich schmerzhaft und krachend auf die Fresse zu fliegen. Die aber immer so perfekt komisch umtänzelt und umschlängelt werden, das einem die Ohren flattern.
Und wenn man zum höchst irritierenden Ende von Borowiak in eine literarische Achter- und Geisterbahn gesetzt wird, dann entwickelt das 'Büchlein' eine frappierende Energie. Da bläst es einen dann mit so erheblicher Kraft an, dass einem die gesträubten Haare und ein paar darunter liegende Gehirnwindungen ordentlich verwuschelt werden. Viele unserer gespreizten Klage- und Jammerschreiber könnten sich bei Borowiak sehr viel abgucken, diese ziselierten Langweiler. Tun sie leider nicht, sonst wäre unser Lesematerial um ein Erhebliches lesbarer. Naja, und saukomisch dann auch noch. Gottbehüte.
Wenn die virtuellen wie die realen Deutschlehrer jetzt auch wimmern mögen: das hier ist gegenwärtige Literatur vom Feinsten.