Wer die Vergangenheit stiehlt - ein äußerst lesenswerter Roman für Leute, die an folgender originellen Mischung interessiert sind:
Da ist a. die klassische Handlungsstruktur eines Detektivromans, in der der Leser zusammen mit den beiden Protagonisten versucht, das Verschwinden von Dr Eleanor Friedman-Bernal, einer Anthropologin, zu klären.
Da ist b. die ungewöhnliche "Nische", die Tony Hillerman für seine Akteure gefunden hat. Wer die Vergangenheit stiehlt (und die anderen Bände aus dieser Reihe, die lose miteinander verknüpft sind), spielt nicht in irgendeinem amerikanischen Großstadtdschungel, sondern auf der Navajo Reservation in Arizona und New Mexico. Joe Leaphorn und Jim Chee, Polizisten der Navajo Stammespolizei, versuchen den Fall zu lösen und bieten Hillerman dabei die Gelegenheit, den Leser beinahe nebenbei mit der Kultur und Denkweise der Navajos vertraut zu machen.
Und da ist c. die Landschaft der Canyons und bizarren Sandsteinformationen, der ausgetrock-neten Flußbetten und der prähistorischen Fundstätten der Anasazi-Indianer. Dieses setting bildet nicht nur den Hintergrund, sondern sorgt zusammen mit den Akteuren für die einzigartige Atmosphäre, die für Hillerman so typisch ist.
Ein weiteres Plus ist, dass die beiden Protagonisten nicht eindimensionale Detektivfiguren sind, sondern vielschichtig dargestellt sind und mit menschlichen Problemen zu kämpfen haben: Joe Leaphorn, der ältere von den beiden, versucht über den plötzlichen Tod seiner Frau hinwegzukommen, und Jim Chee ist sich über seine Gefühle für Janet Pete, eine junge Navajo Rechtsanwältin, noch nicht im Klaren.
Hillerman gelingt es, den Leser von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Und das Schönste daran: obwohl vom Plot her der whodunit-Aspekt im Vordergrund stehen sollte, ist er (für mich jedenfalls) zweitrangig; das Faszinierende an diesem Roman ist die Atmosphäre, die durch die Charaktere - Navajo-Indianer - und das setting - die Navajo Reservation - erzeugt wird. Viel Spass!