manager magazin (10/2002)
Aus erster Hand Ein mittelständischer Unternehmer produziert nach Feierabend hohe Literatur.
Teamwork an der Spitze, das Ringen um die beste Lösung eine Utopie", weiß der Autor. Und er schreibt weiter: "Natürlich gab es Geschäftsordnungen, Satzungen, Organigramme. Doch kein Organigramm spiegelte die wahren Machtverhältnisse wider."
Wir befinden uns in einer kafkaesken Welt aus Schwindel, Heuchelei und Verrat. Zwischen vier Frauen, Führungskräfte allesamt, entbrennt ein heftiger Kampf. Sie streiten um Besitz und Kontrolle eines Unternehmens, um Geld und Sex.
Ein Roman aus der Wirtschaftswelt, nicht von einem böswilligen Außenseiter verfasst, sondern von einem, der sich auskennt: Ernst-Wilhelm Händler ist ein vielfach vom Feuilleton gefeierter Autor und zugleich Chef des mittelständischen Leichtstahl- und Gerätebau-Unternehmens Händler GmbH & Co. KG im oberpfälzischen Cham. Die Zeit zum Schreiben findet er im Flugzeug, unterwegs zu Geschäftsterminen, und an Wochenenden.
Mit "Wenn wir sterben" legt Händler bereits seinen vierten Roman vor. Zu Recht wird der Autor zur ersten Garnitur der deutschen Gegenwartsliteraten gerechnet. Er beherrscht die Erzählmittel der Moderne in allen Spielarten. Für den Leser bedeutet dies: Die Lektüre fällt nicht immer leicht. Aber dafür liefert Händler eine literarische Innenansicht der Wirtschaft aus erster Hand. Klaus Ahrens
© manager magazin - Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Perlentaucher.de
Niels Weber zeigt sich recht angetan von Ernst-Wilhelm Händlers Roman "Wenn wir sterben", der von vier erfolgreichen Frauen, die um eine Firma kämpfen, handelt. Es geht auch um Parallelen zwischen entfremdeter Arbeit und entfremdeten Sex. So hält Weber im Blick auf die Darstellerin eines Pornovideos beim gang bang, den Händlers drastisch schildert, fest: "Die Auslastung der Fickmaschine ist nun optimal." Offensichtlich, überlegt Weber, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den organisatorischen Maßnahmen zur Produktivitätserhöhung, mit denen Händler eine Unternehmensplanerin den Personalaufwand in der Fließfertigung der Fabrik annähernd halbieren lässt, und den Maßnahmen zur Optimierung von Frequenz und Auslastung beim gang bang, den ihre Tochter für ein Pornovideo inszeniert. Händlers Prosa beschreibt Weber als "sperrig und heterogen". Jeder seiner Romane sei zusammengesetzt aus vielen Perspektiven, jeder Protagonist werde in eine eigene Textur gekleidet. "Händlers Romane", so Weber, "könnte man Hybride nennen, die zahlreiche Formen, Perspektiven und Stillagen integrieren, oder (...) ein Experimentierfeld'." Letztlich trete bei Händler die "Verkettung an die Stelle der Subjekte", beschreibt Weber das Ganze mit Deleuze und Guattari.
© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002
Mit William Gaddis und seinem "genialen" Roman "J.R." aus dem Jahr 1975 vergleicht Ijoma Mangold Händlers ambitionierten Roman "Wenn wir sterben", der die völlige Entgrenzung des Kapitalismus probt. Im Mittelpunkt stehen drei Geschäftsfrauen, die auf unterschiedliche Weise in berufliche Schwierigkeiten geraten, berichtet Mangold, dennoch sei "Wenn wir sterben" weit mehr als ein Wirtschaftsroman. Es ergreift einen der "Schwindel", gesteht der Rezensent, wie in diesem Buch "alles mit allem verbunden" ist - alles ist konvertierbar, ein einziger Kreislauf von Waren, Wörtern, Lebensbereichen. Keine ehrgeizigen Sprachspiele könnten das erreichen, im Gegenteil: Dieser Roman nimmt es "mit der Wirklichkeit auf", erklärt Mangold bewundernd. Und die sei komplex wie der Stimmenchor im Roman, der fast ausschließlich aus direkter Rede komponiert sei. Eine Figurenzeichnung und Erzählperspektive von außen existiere nicht, weshalb es für den Leser schwer zu erahnen ist, gesteht Mangold zu, wie sich alles zu allem verhält. Belohnt werde man dafür durch Händlers Sprachreichtum, der jeder Stimme im Chor etwas Unverwechselbares und Eigenes gebe.
© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
Nicht die Handlung als solche ist für Richard Kämmerlings das Faszinosum dieses Buchs, das wird gleich klar, sondern die Art, in der Ernst-Wilhelm Händler sie in Sprache und in Szene setzt. Wirtschaft und Literatur geraten in diesem Roman in Konkurrenz, die Sprache probiert Stile (von Goetz, von Handke, von Bernhard) oder eignet sie sich gar an, als handelte es sich um Produkte, die zur freien Auswahl stehen. Auf diese Weise gelingt, wie der Rezensent nur halb im Scherz meint, dem Autor "eine feindliche Übernahme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur". Um die Wirtschaftswelt geht es in der Geschichte, die so multistilistisch erzählt wird, entworfen werde ein "breites Panorama", drei weibliche Figuren stehen im Zentrum, deren erbitterte Konkurrenz am Ende keiner zum guten ausschlägt. Allein das ergibt beinahe ein shakespearesches "Königsdrama", meint der Rezensent begeistert - und nichts anderes als Bewunderung hat er für Händlers virtuose Ökonomisierung der Erzählsprachen. Dies Buch, er sagt es explizit, gehört zu den besten dieses Jahres.
© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 09.10.2002
Dieser Roman sucht in der gegenwärtigen Literatur "seinesgleichen", erklärt Rezensent Guido Graf. Bei der Lektüre sollte sich der Leser jedoch warm anziehen, denn unweigerlich und unaufhörlich schlagen ihm daraus Kälte und Eis entgegen. Charlotte, Bär, Stine und Milla, vier Frauen Mitte Vierzig, sind nämlich, berichtet der Rezensent, in einem fort damit beschäftigt, einander auszubooten, zu intrigieren und das ganze Leben zu einem Tauschgeschäft zu erklären. Dahinter steht das Anliegen des Autors, eine "Genealogie des ökonomischen Subjekts" zu präsentieren, zitiert der Rezensent. Das ist ihm auch gelungen, lobt Graf, der in dem Roman viel "Ratlosigkeit" und "Depression" gefunden hat, dies aber außerordentlich virtuos erzählt. Händler sucht nach einer "Grammatik der vollkommenen Klarheit", zitiert Graf den Autor. Seine Figuren sind Teil eines "Sprachspiels", "das auch als Versuchsanordnung für die Darstellung ökonomischen Weltwissens gesehen werden kann", versucht Graf das Konzept zu beschreiben. Die "außerordentliche Leistung" Händlers sieht er vor allem darin, dass der Autor überzeugend vorführe, was es bedeutet, "im Beliebigen", das heißt für Händler: in den Tauschgeschäften, "geborgen zu sein".
© Perlentaucher Medien GmbH
