Fast wirkt er schon als Altbekannter: Der Genazinosche Antiheld, der ein wenig schief im Leben steht, diesem in seiner Nüchternheit nicht ganz zugehörend aber doch unfähig, sich entschieden von ihm abzuwenden. Einerseits ist er hypersensibel, registriert vielen Kleinigkeiten in seinem Umfeld und bewahrt sich eine ausschliessliche, ans Überhebliche grenzende Deutungshohheit über diese Dinge. Andererseits ist er Sklave seiner stets wachen Sexualität: Auf dem Gebiet der Erotik erlischt seine Unterscheidungsfähigkeit, seine Sensibilität gilt hier ganz prallen Busen und den Feuchtgebieten. Er ist ein Zerrissener, den vielen Zumutungen und Wirrungen des Lebens Abgeneigter, dem ein Tierleben wegen seiner Einfachheit begehrenswert erscheint. Aber einer, der immer nur aus dem Moment heraus handelt, dem jeder Plan und die Zukunft fremd ist. Eigentlich ein unangenehmer Zeitgenosse, den man lesend auch nur erträgt, weil seine Beobachtungen und Bemerkungen stillen Biss haben und er knapp an der Grenze des Humors entlangschrammt.
Durch den unerwarteten Tod eines Bekannten gerät der Antiheld in die unangenehme, ihn jedoch kaum beunruhigende Lage, nicht mehr auf Aufträge aus jenem Architekturbüro rechnen zu können, das ihm als Freischaffendem seit langem die Existenz sichert. Fast unangenehmer empfindet er jedoch das Drängen des Chefs dieses Büros, die freigewordenen Stelle einzunehmen. Er beugt sich schliesslich dem Druck, der auch von Seiten Marias ausgeübt wird. Maria ist jene Frau, an deren Busen er sexuelle Befriedigung findet, doch er ist sich sicher, dass er Maria bald verlassen wird. Dass sich das Band zwischen den beiden zum Schluss als stärker denn gedacht erweisen wird, ist jene Volte, die dem Roman sein einziges Überraschungsmoment versschafft. Doch vorher lässt sich er Antiheld mit der Frau des Verstorbenen ein, die ihm jedoch in jeder Hinsicht zu trocken ist. Und auch im Büro greift er in die sich passend anbietendenden Pobacken und Busen. Wenn er nicht derart aktiv ist, bewährt er sich als am Leben leidender. Magisch wird sein Blick von allem Zerfallenden, allem Schmutz und Obdachlosen angezogen. Stets ahnt er bereits voraus, was ihm die nächsten Minuten oder Stunden verstimmen wird. Eine Dummheit bringt ihn dann ins Gefängnis und um den gerade angetretenen Job, was ihn freilich kaum erschüttert. Doch auch diese Episode vergeht, und dann bleibt immer noch Maria.
Mit 'Wenn wir Tiere wären' legt Genazino einen Roman vor, wie man ihn aus seiner Feder schon stets gelesen zu haben glaubt. Präzise in den Formulierungen und gewandt mit Worten bietet der Text wenigstens sprachliche Kurzweil. Doch wirkt hier nichts neu, der Text ist Fortsetzung von bereits Gesagtem, und er entlässt den Leser mit der Ahnung, dass es in kommenden Büchern noch weitergehen könnte. Ein wenig müde, ganz wie der Antiheld, schliesst man schliesslich das schmale Büchlein, ein wenig angeekelt von der Welt, die man so genau vielleicht gar nicht sehen möchte, schon gar nicht durch die Augen von einem, dem nur der Blick auf das Unschöne möglich ist.