Der Knochensammler aus Kärnten
Josef Winklers Erzählung «Wenn es soweit ist»
Von Franz Haas
So viel Tod war noch nie in der Heimatliteratur, so wenig Heimeligkeit noch nie in einer Dorferzählung. Nach zwanzig Jahren ist Josef Winkler seinen Themen immer noch treu: die Homosexualität, das Bauernland, die katholische Kirche jedoch nicht mehr in dieser Rangordnung. Geändert haben sich vor allem zwei formale Aspekte. Die Sprache ist ruhiger geworden; die lebensstrotzenden Todesmetaphern des einst so wilden Kärntners sind nicht mehr von Wutschaum gekrönt wie damals. Und in seinem neunten Buch gibt es erstmals keinen Ich-Erzähler. Vom ländlichen Leben und Sterben erzählt nun meist ein greiser Vater mit einem Hitler-Bärtchen, der früher «Der Ackermann aus Kärnten» hiess. Geblieben ist Winkler allemal ein detailfreudiger Todes- und Dorfchronist, der virtuoseste Leichenbestatter der Gegenwartsliteratur.
Dorfreigen
Schon in Winklers ersten drei Büchern schrieb ein Ich sich seine Todesangst vom Leib, in einem sprachlichen Gerangel mit den Gespenstern aus einer schiefen Kindheit, mit dem eigenen Körper und den dörflichen Obrigkeiten, dem Vater und dem Pfarrer. Dann verfasste er die Geschichte einer aus der Ukraine nach Kärnten verschleppten Bäuerin und über seinen Aufenthalt an deren Hof. Im Roman «Der Leibeigene» kehrte er mit mehr Furor denn je zurück zum eigenen Ich, zu Leib und Seele. In seinem sechsten und schillerndsten Buch «Friedhof der bitteren Orangen» verliess dieses Ich oft die engste Heimat und schlug sich in Italien mit denselben Geistern, zumeist in Kirchen, Grüften und Katakomben. Danach schrieb er über sich und Jean Genet, dann noch einen «Roman» über sich in Indien, über die Rituale der Totenverbrennungen am Ganges. Es waren keine Romane im Sinn des Sachwörterbuchs der Literatur, genausowenig wie sein neues Buch eine «Erzählung» ist. Es ist dies ein Dorfreigen von drei Dutzend Menschenleben und den dazugehörigen Sterbensgeschichten.
Es erzählt häufig «der neunzigjährige Greis mit dem graumelierten Oberlippenbärtchen»: von jenem ärmlichen Mann, der Knochenreste in einem Tonkrug so lange köchelte, bis sie zu einem dunkle Sud wurden, den die Bauern den Pferden um die Augen schmierten, als stinkenden Schutz vor Insekten. Er erzählt dies seinem Sohn, dem «Knochensammler Maximilian», der seinerseits die Knochen der toten Menschen aus dem Dorf in jenem Tonkrug «aufsammelt», sich ihre Todes- und Lebensarten anhört, sie Schicht um Schicht metaphorisch bestattet. Erprobte Winkler-Leser erkennen diese beiden Hauptfiguren schon nach wenigen Seiten wieder, den grausamen «Vater Ackermann», Herr über Kinderseelen und Kalbsgeburten aus früheren Winkler-Büchern, und das gemarterte Ich jenes Sohnes, der immer wieder auszog und heimkam auf den Hof. In der dritten Person und unter dem Namen Maximilian hat er nun eine totengräberhafte Ruhe gefunden.
Dieser Maximilian-Winkler ist auch in dem neuen Buch die zentrale Figur, aber er hat nur noch die Rolle des Knochensammlers. Was früher bei Winkler immer eine selbstversessene Ich-Figur war, ein homosexueller Bauernsohn und Schriftsteller, ist jetzt ein pietätvoller Zuhörer geworden, eine Kunstfigur ohne Gegenwart. Nur aus seiner Vergangenheit klingen noch menschliche Wirrnisse herüber: die Liebe zur Mutter, der Kampf mit dem Pfarrer und sehr diskret die Eifersucht unter Knaben «mit hochrotem Kopf». Er scheint nicht mehr ganz von dieser Welt, der Eros martert ihn nicht mehr wie früher, und mit dem Tod hat er sich arrangiert. In den Tonkrug mit dem Knochensud legt Maximilian zuunterst die Gebeine eines Mannes, der eine Jesus-Statue über einen Wasserfall geworfen hatte. Der hölzerne Jesus verlor bei dem Sturz die Arme, der Frevler verlor sie ebenfalls, zur Strafe im Hitler-Krieg. Geschichten dieser Art «berichtet der erzählfreudige Alte», der Sohn hört zu und sammelt die Toten auf. Nach und nach folgen in den Tonkrug die Knochen der Urgrossmutter, des Urgrossvaters, einer fünfzehnjährigen Selbstmörderin, dann «der in einem Schützengraben in Jugoslawien wahnsinnig gewordene Uronkel». Maximilian zählt die Totenschädel seiner Lieben, hört sich ihre tristen Geschichten an (36 an der Zahl) und bettet sie symbolisch zum ewigen Frieden auf die stinkende Knochenbrühe.
Ärgernis und Faszination
Die unglücksverliebte Egozentrik in Winklers frühen Büchern war vielen Kritikern ein Ärgernis, sie machte aber auch einen guten Teil der Faszination aus. In der Erzählung «Wenn es soweit ist» erfährt der Leser nichts über die gegenwärtige Seelenpein der Hauptfigur, dafür um so mehr über den Alltag im Dorf. Das Erzählen hat für den Autor nun einen anderen Zweck, nicht mehr den der schockierenden, ihn von seinen Wunden heilenden Selbstdarstellung. Seine neue Erzählmethode ist auch eine kunstvolle Form der oral history, sie zielt vor allem auf die Beschreibbarkeit der Welt jenseits des eigenen Bauchnabels:
«DIE BUCKLIGE Hildegard legte ihre von der Gicht gekrümmte rechte, warme Hand auf die kalten, mit einem Rosenkranz umflochtenen und zum Gebet gefalteten Hände ihres Mannes, rüttelte und schüttelte an seinem Leichnam, bis der Sarg auf dem schwarzumkleideten Katafalk zu wackeln begann, und rief wehklagend: Willi! Willi! Der Willibald, der jahrzehntelang in einem Dorf am anderen Ufer der Drau im Heraklithwerk gearbeitet hatte, war an Lungenkrebs gestorben. Mit hocherhobenen Händen und heruntergelassener Hose trat er aus der Toilette und rief: Hilde! Hilde! Hilf mir!, fiel um und war auf der Stelle tot.»
Es war diese bucklige Hildegard, die dem dreijährigen Maximilian einst seine tote Grossmutter gezeigt und ihn gefragt hatte, «ob er denn, wenn es soweit ist, wohl hinter ihrem Sarg hergehen werde». Und der Erzähler verweist die Leser augenzwinkernd auf ein früheres Winkler-Buch («ihr erinnert euch»), in dem dieselbe Szene beschrieben war. Die Gebeine der Hildegard liegen nun im Tonkrug an dreizehnter Stelle, gleich über den Knochen des Willibald.
Die antikatholischen Texte von Josef Winkler sind (nach wie vor und wider seinen Willen) katholische Literatur, faszinierend, schrecklich, pomphaft und suggestiv wie der Katholizismus selbst. Die religiösen Symbole und Metaphern hat er sich in seinen Gefechten gegen die Seelenherrschaft der Kirche so gut angeeignet, dass sie Teil seines eigenen Ausdrucks wurden. So ist die ganze Erzählung gespickt mit poetischen Konstruktionen und Lehnwörtern aus der Kirchensprache. Den Euphemismus des Titels und ähnliche rhetorische Figuren wie die von den «sterblichen Überresten» oder von der «letzten Ruhestätte» verwendet Winkler ohne explizite Ironie und mit einer Natürlichkeit, als wären es seine Kreationen. Die häufig eingeschobenen Zitate aus Gesang- und Gebetbüchern unterscheiden sich im Vokabular nicht so sehr von seinem eigenen Text, wohl aber in der Formulierungskunst.
Kindertotenpoesie
So manches erzählerische und poetische Inventar ist geblieben: die baumelnden Kalbstricke, die jugendlichen Selbstmörder im Stadel des Pfarrhofs, die sich weinend umarmen. Den Hang und das Talent zur Kindertotenpoesie hat Winkler immer noch. Aber geändert hat er die Namen des Vaters, des Sohnes und des Herrn Pfarrers. Und warum sich die beiden erhängten Jungen weinend umarmen, sagt er nicht mehr so genau wie früher. Friedfertiger ist er vor allem mit dem Vater geworden, dem er in langen Passagen das Erzählen überlässt eine Versöhnlichkeit, in der aber noch genug Argwohn lebt, wie der letzte Teil des Buches zeigt. Da sitzt der Vater «zu Allerheiligen nach der Gräberbesprengung» mit zwei anderen Greisen am Küchentisch (der stupende Text war im Juni 97 in den «manuskripten» zu lesen), und sie reden über den Krieg und die Arbeitsscheuen, die Neger und die Türken. Wieder einmal geniessen sie «den Geschmack der Schützengrabenerde» und andere Herrlichkeiten der Gewalt, während die alte Frau und eine nervenkranke Tochter die Festtagsschnitzel bereiten. Wie Josef Winkler diese Bilder verstrickt, die häuslichen Handgriffe der beiden Frauen in der Küche und die gewaltsabbernde Lüsternheit der Greise, das ist eine Kunst, die viele Gebetbücher überdauern wird.