Mein Buch Die Sehnsucht ist nicht volkseigen Judith Kuckart liest Inge Müller «Mond, Neumond, deine Sichel, / Mäht unsere Zeit wie Gras / Wir stehen aufrecht im Himmel / Auf dünnem Stundenglas. / Der Stern geht seiner Wege, / Wir suchen unseren Weg. / Wenn ich mich niederlege, / Geh über mich hinweg.» Inge Müller, geborene Meyer, geschiedene Lohse, geschiedene Schwenker . . . der Name sagt es fast im Voraus. Eigentlich wollte sie anonym bleiben. Inge Müller wird 1925 in Berlin geboren und stirbt mit 41 Jahren am 1. Juni 1966, zu einer Zeit, in der sie mit ihrem dritten Ehemann Heiner Müller nach scharfer Kritik der SED-Kulturfunktionäre ins gesellschaftliche Abseits geraten ist. Drei Tage nach ihrem Selbstmord wird sie an ihrem Hochzeitstag in Berlin Pankow beerdigt. Heiner Müller sagt, er habe seine Frau nie betrogen. Inge Müller sagt: «Wenn ich mich niederlege, geh über mich hinweg.» Sie ist noch keine zwanzig, als der Krieg kommt und sie zum Reichsarbeitsdienst in die Steiermark muss. Sie wird Strassenbahnschaffnerin in Graz, dann Stenotypistin bei einem grossen Industrieunternehmen in Berlin, sie wird zur Wehrmacht einberufen und bekommt eine Kurzausbildung als Kraftfahrerin verpasst. Die Eltern sterben bei einem Bombenangriff in Berlin, sie scharrt sie mit den Händen aus den Trümmern hervor, und kurze Zeit später liegt sie selber drei Tage mit einem Hund in einem Keller im Schutt begraben. Als man sie findet und fragt, wie es ihr gehe, antwortet sie nicht. Sie antwortet später in einem Gedicht: «Fragt den Hund, wie». Sie wird über das Erlebnis nie hinwegkommen. Gleich nach dem Krieg heiratet sie und bekommt einen Sohn. Sie sagt: «Wir suchen unseren Weg.» Der Mann, Kurt Lohse, ist ein Jugendfreund, ein ihr vertrauter Mensch. Im Monat ihrer Heirat lernt sie ihren zweiten Mann, Herbert Schwenker, kennen. Er ist der Direktor des Zirkus Busch und Barley. Sie ist zwei Jahre mit dem Zirkus unterwegs «wir suchen unseren Weg» und trennt sich wegen Schwenker von Lohse. Sie fängt an zu schreiben, heiratet Herbert Schwenker und tritt in die SED ein. Sie spielt Akkordeon in einer Tanzkapelle. 1953 lernt sie Heiner Müller kennen, und er sagt über den ersten langen Blick zwischen ihnen: «Sie hat mit sehr gefallen. Sie hatte eine grüne Bluse an, der oberste Knopf war offen, das hat mich sehr beschäftigt. Da musste ich immer wieder hinschauen. Sie war sehr hübsch.» Heiner Müller zieht bei den Schwenkers mit ein. Eine Menage à trois beginnt. Inge Schwenker und Heiner Müller fangen an zusammenzuarbeiten. Sie wird in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen, schreibt unter anderem das Hörspiel «Die Weiberbrigade» und zusammen mit Heiner Müller die Stücke «Der Lohndrücker» und «Die Korrektur». Sie haben 1955 geheiratet. Sie sagt: «Der Stern geht seiner Wege, / Wir suchen unseren Weg.» Was das eigentlich ist zwischen einem Mann und einer Frau, weiss niemand, und keiner weiss, warum es weniger wird, was da einmal war, und schliesslich endet. Sie arbeiten zusammen, Heiner und Inge, jetzt Inge Müller, aber geht das Konzept von Liebe und Arbeit nicht auf? Weil in jeder Utopie auch das Verhängnis steckt? Weil die Liebe vor der Arbeit kapitulieren muss? Oder bei der Arbeit einfach einschläft? Oder einer einschläft? Sie? Er? Oder beide dann, ohne Liebe, nebeneinander einschlafen? Oder weil man immer etwas Drittes braucht, um weiter in der Liebe wohnen zu können. Die Arbeit, die Partei, die gemeinsamen proletarischen Wurzeln, ein gemeinsames Kind, einen anderen Mann. Eine andere Frau? Eines Tages taucht Wolfgang Müller, der jüngere Bruder von Heiner Müller, auf. Er bleibt. Wegen der Schwägerin. Wieder gibt es eine Menage à trois. Die Familie ist entsetzt, dass die Inge den dummen Jungen so verliebt gemacht hat. Wolfgang ist fünfzehn, sie ist fast zwanzig Jahre älter. Sie sagt: «Wir stehen aufrecht im Himmel, auf dünnem Stundenglas.» Inge Müller beginnt Gedichte zu schreiben, die sie Heiner Müller nicht mehr zeigt. Ihre Kriegserlebnisse kann sie nicht verdrängen. Deshalb geht es ihr so schlecht, sagt Heiner Müller. Aber es geht ihr nicht nur deshalb so schlecht. Die DDR, an die sie geglaubt hat, zeigt ihr graues Gesicht. Inge Müllers Alltag als Ehefrau, Mutter und ihr Wunsch zu schreiben lassen sich trotz der preussischen Disziplin, zu der sie erzogen wurde, nicht geglückt miteinander vereinen. VEB (Volkseigener Betrieb) Sehnsucht, gibt es das? Inge Müllers Welt bleibt nach dem Zweiten Weltkrieg eine gebrochene, auch wenn der Sozialismus ein Heilsversprechen ist in jenen Jahren der Aufbruchs. Bis 1959, bis zum zehnten Jahrestag der DDR, lebt Inge Müller überzeugt entlang der DDR-Utopie, im Zeichen der Heilserwartung, dass der Kommunismus schon morgen stattfinden soll. Bis 1961 soll der Westen überflügelt werden, bis 1965 soll der Sozialismus erreicht sein aber da ist Inge Müller in Pankow schon fast tot , und zwischen 1980 und 2000 soll der Kommunismus installiert werden. Aber die Sehnsucht? VEB Sehnsucht, gibt es das? Inge Müller sagt: «Mond, Neumond, deine Sichel, / Mäht unsere Zeit wie Gras.» Die Sehnsucht ist der Rest, der bleibt. Denn Sehnsucht ist nicht volkseigen, sondern eigen. Was geschieht, wenn sie sich nicht an das Wort Utopie binden lässt, sondern persönlich bleibt und bedürftig macht? Bei Inge Müller findet die Sehnsucht verschiedene Unterschlupfmöglichkeiten: den Zirkus, den neuen und wieder neuen Mann, das Schreiben und, wenn das nicht geht, das Akkordeon vor dem Bauch. Mit der sozialistischen Idee, an deren Wahrheit Inge Müller glaubt, gerät ihr Empfinden in Widerstreit: dass nämlich Glück und Liebe vielleicht doch ein rein persönliches Ding sind und weder von der Geborgenheit im Kollektiv noch durch verdienstvolle Arbeit am Sozialismus ersetzt werden können. Und irgendwann ist es dann in jeder Nacht in Pankow so dunkel wie unter der Erde. Am 1. Juni 1966 ist Inge Müllers Widerstand gegen die Verschüttung aufgebraucht. Sie sagt: «Wenn ich mich niederlege, geh über mich hinweg.» Als Heiner Müller in jener Nacht und wie fast immer spät erst nach Hause kommt, liegt sie tot auf dem Balkon. Inge Müllers Nachlass umfasst 1800 Typoskriptseiten, verteilt auf 90 bis 100 Schreibhefte in DIN-A4-Format und handschriftliche Manuskriptseiten in zumeist desperatem Zustand. Zeugen eines Lebens, das noch nicht lang vorbei ist, aber das es so nie mehr geben wird. Judith Kuckart Schriftstellerin
Dieser Band, fast zwanzig Jahre nach ihrem Tode erschienen, begründet die anhaltende Faszination an der Lyrikerin Inge Müller. Ihre wichtigsten Gedichte sind hier konzentriert: jene atemlose, stützenden Verse, die dem Leser keine Distanz lassen. Die beunruhigende einsame Stimme spricht von prägenden Erfahrungen: von verlorenen Illusionen, unlebarer Liebe, vom Trauma des Krieges und des Verschüttetseins. Die Schatten lassen sich nicht bannen, nicht mit Gedichten der Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe, nicht mit entschlossener Selbstbehauptung: "Ich weigere mich Masken zu tragen". Ihre Gedichte sind das erschütternede Dokument eines permanenten Lebenskampfes, den die Dichterin mit 41 Jahren aufgab.Inge Müller wurde 1925 in Berlin geboren, 1945 als Luftwaffenhelferin eingezogen, nach einem Bombenangriff auf Berlin drei Tage verschüttet. Nach Kriegsende verschiedene Tätigkeiten als Sekretärin, Trümmerfrau, Arbeiterin, Journalistin, Volkskorrespondentin. Von 1954 bis 1959 lebte sie in Lehnitz bei Oranienburg, dann wieder in Berlin. 1953 Bekanntschaft mit Heiner Müller, 1955 Eheschließung. Freischaffend ab 1953, Zusammenarbeit mit Heiner Müller an Hörspielen und Stücken. Sie schrieb Kinderbücher und -geschichten, Texte für das Theater, Prosaszenen, Romanfragmente, Lyrik. 1966 Freitod.