Ich war kurzzeitig am überlegen, ob ich dem Buch 2 Sterne geben soll. Denn ich muss zugeben, eine gute Sache hatte dieses "Werk": Es hat mich tatsächlich zum Nachdenken gebracht. Jedoch weniger im Sinne des Autors darüber, ob ich nicht langsam erwachsen werden sollte, sondern viel häufiger darüber, wie eigentlich jemand, der SOLCHE Bücher schreibt dazu kommt, a) sich für erwachsen zu halten und b) zu glauben, dass er anderen Leuten vorschreiben kann, was Erwachsensein bedeutet.
Alles in allem ist die Lektüre des Buches einfach nur ärgerlich. Zunächst einmal ist es schlecht geschrieben. Wie schon ein anderer Rezensent vor mir angemerkt hat, benutzt der Autor eine Unmenge unnötiger Metaphern, die nur in den seltensten Fällen treffend und meistens einfach ermüdend und nervig sind. In regelmäßigen Abständen (um nicht zu sagen: ständig) wirft er Fremdwörter oder Fachbegriffe ein, um den Leser ja nicht vergessen zu lassen, dass der Schreiberling ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat. Hätte der Autor sein Studium allerdings ernst genommen, hätte er bereits im ersten Semester gelernt, dass die unnötige Benutzung von Fremdwörtern und komplizierten sprachlichen Konstrukten leicht den Eindruck von fachlicher Inkompetenz erweckt und deshalb vermieden werden sollte. Das Buch liest sich auch wie eine Pflicht-Hausarbeit, die an einem Wochenende fertig werden musste und deren Seiten unbedingt mit irgendwelchen elendlangen Ausführungen gefüllt werden mussten - inhaltlich bietet das Werk übrigens auch nichts Tiefschürfendes, ein abendliches Brainstorming hat wohl vollkommen ausgereicht. Auch konnte ich den vielbeschworenen Humor bzw. die Ironie beim besten Willen nicht entdecken. Zugegeben, an einigen Stellen musste ich Schmunzeln und manche Vergleiche waren recht gut beobachtet. Aber im Großen und Ganzen ist das Lesen dieses Buches eher eine Qual. Dass das Schreiben eines Buches einen anderen Stil erfordert als eine Kolumne, sollte ja allgemein bekannt sein.
Als Erzähler ist der Autor sehr inkonsequent. Die meisten Kapitel fangen damit an, dass er den Leser direkt anspricht und ihm irgendetwas besserwisserisch unter die Nase reibt. Meistens sind es irgendwelche sehr von weit her geholten Rückschlüsse auf die Vergangenheit, den Alltag, die Psychologie oder Lebensphilosophie des Lesers, die anhand von einzelnen Gegenständen, die man in seiner Umhängetasche mit sich herumträgt, gezogen werden. Was man sich dabei als Leser so alles unterstellen und vorwerfen lassen muss, ist einfach nur ärgerlich. Dazwischen platziert der Autor immer wieder das ein oder andere Erlebnis von sich selbst oder aus seinem Bekanntenkreis ein, um zu beweisen, dass er sich auskennt. Der Perspektivwechsel (von der "Sie"- zur "ich"-Form) ist dabei meistens so abrupt und die Beispiele so bemüht konstruiert, dass das Ganze einfach unglaubwürdig wirkt. Paradoxerweise hat man gleichzeitig ein "Aha!"-Erlebnis, weil man nun als Leser versteht, wie der Autor auf die an den Haaren herbeigezogenen Unterstellungen kommt - es sind nämlich SEINE eigenen (post-)pubärteren Kindischheiten und Unzulänglichkeiten, die er auf den Leser überträgt.
Auf diese Weise scheint das Buch eher eine Selbsttherapie eines Menschen zu sein, dem nicht klar ist, dass er erst sehr spät erwachsen geworden ist, und der unglaublich stolz auf sich ist und deswegen der Meinung ist, anderen Leuten vorschreiben zu können, wie sie Erwachsen werden sollen. Zumindest habe ICH mich den Großteil des Buches veralbert gefühlt und wurde das Gefühl nicht los, dass der Autor auch kein Stück weiter in seiner Entwicklung als ist (wenn nicht sogar ein Stück hinter mir, wobei ich doch ein paar Jährchen jünger bin...). Herr Reichert scheint sich für einen selbsternannten Psychologen zu halten (vielleicht hat er ja mal eine Vorlesung zum Thema "Psychologie für Kolumnisten" besucht...) und bildet sich ein, die geistige Welt seiner Generation komplett durchschaut zu haben. Dabei wird mehr als einmal deutlich, dass er im Grunde für sich selbst sprechen kann, und dass er von manchen Dingen (z. B. gerade den psychologischen Analysen) absolut keine Ahnung hat und es vielleicht doch lieber den Fachleuten überlassen sollte (angelesenes Wissen reicht nun mal oftmals nicht aus...). Auch sein angebliches Insiderwissen und seine Szene-Kenntnisse sind so oberflächlich und nichtssagend, dass sie vermutlich aus Illustrierten (vielleicht auch noch ausm Fernsehen) stammen. Es beschleicht einen immmer wieder das Gefühlt, dass der Autor einem unter die Nase reiben will, wo er schon alles gewesen ist und was er alles erlebt hat.
Ärgerlich sind auch seine besserwisserischen und vollkommen unbegründeten Lektionen zu den verschiedensten Themen, so z. B. ein Abriss über die Wandervogel-Bewegung oder die Einführung der Anti-Baby-Pille. Mal ehrlich, das Buch ist u. a. an geisteswissenschaftliche Langzeitstundenten gerichtet - denen kann man so ziemlich alles vorwerfen, aber dass sie über die Wandervögel Bescheid wissen, kann man sich denken.
Eine Identifikation des Lesers mit dem Erzähler wäre vielleicht zustande gekommen, wenn der Erzähler konsequent mit dem Leser unterwegs wäre und nicht immer nur in kurzen Beispiel-Episoden auf die Bühne treten würde. Stattdessen verfällt Reichert nach diesen Beispielen immer wieder zurück in den schulmeisterlichen "Sie"-Ton und kommt, nach unglaublich langem "Herumgeschwafel" (tut mir leid, aber an dieser Stelle fällt mir kein adäquates Synonym ein) inklusive der oben genannten Metaphern und hohlen Phrasen, am Ende des Kapitels dann dazu dem Leser zu sagen, was er nun tun soll, um etwas zu ändern.
Was dann nun an Vor- und Ratschlägen kommt, kann manchmal nur als schlechter Witz aufgefasst werden. So wird man gleich im zweiten Kapitel dazu aufgefordert, seine Wohnung "geschmackvoll" mit Ikea-Möbeln einzurichten. (Jetzt bitte nicht falsch verstehen - ich besitze auch Ikea-Möbel, wie so ziemlich jeder andere Student auch. Und genau aus diesem Grund war ich immer der Meinung, dass man dann erwachsen ist, wenn man es sich leisten kann, seine alten studentischen, billigen und qualitativ minderwertigen (!) Ikea-Möbel gegen robuste, hochwertige, individuelle, "echte" Möbel einzutauschen.)
Irgendwie scheint es sowieso das Ziel des Autors zu sein, möglichst viele Leser hervorzubringen, die in einer Eigentumswohnung am Stadtrand leben, mit einem Lebenspartner, der das kleinste Übel darstellt (willkommen im 19. Jahrhundert!), und einem Job, der Geld bringt, einen aber nicht zu erfüllen braucht... Und irgendwie nimmt man es dem Autor nicht ab, dass er sich selber in seinem Ikea-eingerichteten Leben wohlfühlt. Ab und zu schimmert es durch, dass vieles doch nur ein gutgemeinter Kompromiss war und es zu kompliziert wäre, jetzt noch irgendwas zu ändern. Es ist nun mal unglaubwürdig, wenn der Autor einem seitenlang predigt, man solle endlich mit seinem Partner zusammenziehen und einem dann erzählt, dass er und sein Freund unterschiedliche Wohnung haben. Genauso seltsam ist es, wenn der Schriftsteller den Leser immer wieder zum Nachwuchsproduzieren ermahnt. Vielleicht ist der Autor auch einfach nur neidisch auf Leute, die trotz anderer Lebenssituation glücklich sind - auch ohne nine-to-five-Job und ohne Eigentumswohnung, dafür aber mit eigener Meinung und eigenem Stil.
Vielleicht sind das und die Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen ja viel bessere Kriterien fürs Erwachsensein?