15-20 % der Menschen sind hochsensibel, durch sie rauschen äußere Reize über stärkere innere Empfindungsmuster als dies bei anderen Personen der Fall ist. Schockierend und erhellend die Beschreibung von Gerlinde, einer Sekretärin o.ä. am Anfang des Buches. Einmal als Hochsensible und dann geläutert, ohne Antennen, die immer auf Hab-Acht-Stellung stehen, die sie verrückt machen, fast lebensunfähig. Alleine diese gekonnt erzählte Geschichte aus zwei Positionen lohnt dieses Buch und macht die Dramatik von Hochsensiblen erzählerisch, spannend deutlich. Geflutete Sinnenswahrnehmungen nach innen muss der Hochsensible bewusst abschotten und Zuflüsse dicht halten, um in den tägliche Reizmustern nicht zu ertrinken.
Bei mir ist es ähnlich: schon einige geschriebene Sätze lassen mich auflesen, ob Menschen aus Egoismus, Rechthaberei etc. schreiben oder aus innerem echten Anliegen. Das Thema der Gerechtigkeit spielt bei mir eine große Rolle: sobald jemand gemobbt werden soll, fahren meine Abwehrwaffen auf höchste Einsatzbereitschaft und rattern ständig. "Denn sie sind es, die als Erste merken, wenn etwas ungerecht ist oder nicht stimmig. Sie erkennen als Erste, was fehlt. Und oft sind sie die Vorreiter, die zuerst die Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn die Menschlichkeit zu kurz kommt." (S. 17)
Wenn man die Auswirkungen von Hochsensibilität mindern möchte, muss man einen vergleichsweise hohen Aufwand betreiben, der normal Empfindenden überhaupt nicht zugänglich, nicht verständlich ist. "Sie müssen sich ständig klären und mehr innere Arbeit leisten, um sich nicht zu verstricken in innere und äußere Konflikte und Anforderungen, denen sie ausgesetzt sind." Im Umkehrschluss ist es leider so, dass diese Gruppe oft eigene Bedürfnisse übersieht, weil man permanent mit einem Konvolut von Sinnensreizen beschäftigt ist und man es oft den Anderen Recht machen möchte. Interessanterweise haben Hochsensible ein Ohr und tausend Rezeptoren für die Bedürfnisse anderer, sie ahnen und fühlen schneller voraus als andere, sie sind oft in kreativen, künstlerischen Berufen tätig.
Vererbt oder durch Umwelteinflüsse erworben? Natürlich gibt es dafür keine eindeutige Antwort, die Forschung über HSPs (Hoch Sensible Personen) steht erst am Anfang. Und eine Prozentzahl für Genetik vs. Umwelteinflüsse kann in keinem Bereich schlüssig gegeben werden. "Es sind Umwelteinflüsse, die unterschiedliche Gene aktivieren oder deaktivieren können." (S. 26)
Auf Seite 27 steht ein Selbsttest mit formulierten Statements, von denen ich alle mit ja beantworten konnte. Z.B.:
-Gewaltszenen im Kino der TV scheinen mich tiefer zu beeindrucken als andere.
-Der Kontakt mit anderen Menschen laugt mich manchmal aus.
-Manschmal habe ich das Gefühl, ich würde hören, was andere nicht sagen.
-Großen Menschenansammlungen weiche ich am liebsten aus.
-Die Stimmungen anderer Menschen beeindrucken mich unnötig stark.
-Ich brauche viel Rückzug und Zeit für mich.
-Es gelingt mir eher, für die Rechte anderer einzutreten als für meine eigenen Interessen.
-Ich bin ein guter Zuhörer und kann mich gut einfühlen und andere wieder aufbauen, wenn sie Probleme haben.
Besonders lesenswert die Übertragung dieser Fragen auf das hochsensible Kind (S. 28-29), in denen diese Grundanlage u.a. dadurch manifest wird, dass es Wettspielen und Konkurrenz weniger zugeneigt ist. "Das Kind mag Wettspiele nicht besonders, es tut sich in ihnen nicht hervor. Es geht ihm offenbar nicht darum, zu gewinnen oder zu dominieren." (S. 29)
Natürlich sind HSPs keine homogene Gruppe, sondern ebenso heterogen wie alle anderen, es gibt Mischformen (gefährlich unberechenbar und wellenreitend vor allem die Kombination als High Sensation Seekers) und nicht immer klare Abgrenzungen. Allen jedoch gemein ist die Tatsache, dass man der überempfindlichen Hinwendung nach Empfinden und Verstehen anderer die eigene Körperwahrnehmung geopfert hat. Genau hier setzt der Autor die Hilfe zur Selbsthilfe an, die ab Seite 68 (Die Eigene Wahrnehmung steuern lernen) und ab S. 109 (Leichter leben im Alltag) gibt.
"Hilfreich sind gerade für HSP Meditationsmethoden, die zur Erdung und energetischen Zentrierung beitragen. Wichtig ist es für HSP, den eigenen Körper nicht nur als Ort von Schmerzen, Schwäche und Schwere zu erleben, sondern die Energie, das Pulsieren des Lebens, den Atem und angenehme Muskelentspannung zu spüren und so den Zugang zur eigenen realen Kraft und Belastbarkeit zu finden und sie zu stärken." (S. 114) Unbedingt sollte man Sport, Bewegung und Natur in seinen Lebensablauf einbauen, die besten Stressabbauer überhaupt.
Jeden einzelnen der Hilfspunkte habe ich mit großem Interesse gelesen und vor allem die Einordnung bzw. Abgrenzung von HSPs bei üblichen therapeutischen Schubladisierungen (Süchte, Autismus, Borderline, ADS etc.). "Hohe Sensibilität ist eine Begabung und nicht etwas eine psychische Störung." Das Buch beschreibt diesen Typus nachvollziehbar klar, seine Hilfestellungen sind ebenso deutlich und relevant, kurzum hier liegt ein Buch vor, das wirklich eigene innere Prozesse sicht- und korrigierbar macht.
Spannend vor allem auch die Literaturliste, aus der ich als nächstes das Buch
Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochempfindliche Menschen lesen werde. Grundlegend scheint diese Publikation von Elaine N. Aron zu sein, die das Phänomen HSP zum ersten Mal beschrieb (Rolf Sellin lernte es über dieses Buch kennen):
Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen Tatsächlich gibt es auch einen frühen Vorläufer (Schweiz, 1934) mit durchaus richtigen Hinweisen:
Der sensible Mensch : Psycholog. Ratschläge z. seiner Lebensführung.Sehr empfehlenswert.