"Den Menschen selbst, der Seele nacktes Weh!"
Lord Byron / Der Korsar, 10
Fernando Pessoa (1888-1935) kann man mit dieser Zeile Byron begreifen. Ihm kommt es auf den Menschen an, aus jeder Perspektive, denn "Kennten wir Wahrheit, sähen wir sie, alles übrige ist System und Drumherum". Pessoa liebte es, in andere Gestalten sich zu verwandeln, eine andere Perspektive des Schreibens einzunehmen, ein Monsieur Teste seiner selbst zu sein, wie Paul Valery sein Werk nannte. In unterschiedlichste Identitäten verwandelt verfasste Pessoa seine Aphorismen und Kurzprosa zur Liebe, zur Wahrheit, zum Leben. Über das Leben zu schreiben, war ihm zu wenig, vom Leben gelebt zu werden ebenso. Ihm ging es immer um die eigene Authentizität dem Leben gegenüber, "die Formeln vergehen, die Ausdrücke ändern sich, das Wesen bleibt bestehen".
Er reibt sich wie Kafka an den Dingen und so ein Satz wie "Ein Entsetzen, leben zu müssen, erhob sich mit mir aus dem Bett" klingt wie ein mobiler Samsa, doch mit gleicher Intensität, so dass das "Herz schlug, als könnte es sprechen". Zum Leben gelangt man mit Pessoa über das Leben, die Vergangenheit gehört einem nicht, die Zukunft kennt man nicht. Über die Möglichkeit zu allem und der Wirklichkeit von nichts verpasst man die Gegenwart, das Leben.
"Zeitlos und schön ist nur ein Traum. Warum also miteinander sprechen?" sind schon die Spitzfindigkeiten, die den Traum ins Leben holen sollen, wie Calderon es tat oder Grillparzer, gar Hofmannsthal. Denn "dennoch trage ich in mir alle Träume der Welt", wohl wissend um das schicksalhafte Gesetz, zu sein, was man ist. Dieser Aspekt verachtet käufliche Pracht und hofiert Liebe, die einem zuteil wird.
Das Spannungsfeld zwischen Vernunft und Gefühl, Rationalität und Metaphysik ist für Pessoa ein Feld der Reflexionen. Dieser Dualismus der Menschen hält ihn gespalten und doch ist Pessoas Streben, eine Einheit herzustellen, wenn auch nur durch gegenseitigen Respekt. "Wenn das Herz denken könnte, stünde es still" sind mahnende Worte genug, sich nicht auf das Eine zu verlassen, sondern beides ins Leben zu integrieren. Es gilt somit als übergreifende Botschaft: "Leg dein ganzes Sein in dein geringstes Tun".
Für Immer-Wieder-Leser ein Pessoa in bibliophiler Form.
~~