Saskia Steltzer, geb. 1950, ist Sozialwissenschaftlerin, Journalistin und Mutter eines legasthenischen Kindes. Sie erzählt aus eigener Erfahrung wieviel Toleranz, Geduld und Lernbereitschaft die Legasthenie allen Betroffenen, den Kindern selbst und den Lehrern abfordert.
Die Autorin nimmt verschiedene Defintionen von Legasthenie unter die Lupe (Legasthenie auch Lese-Rechtschreibschwäche genannt). Legastheniker sind normal- bis hochbegabte Kinder, die das Lesen und Schreiben unter erschwerten Bedingungen erlernen. Legastheniker sind immer noch Vorurteilen und unhaltbaren Wertungen ausgesetzt, die selten ausgesprochen werden.
S. Steltzer stellt in ihrem Buch die Erfahrungen und Perspektiven von Schulkindern verschiedener Altersgruppen dar. Die legasthenischen Kinder machen unter anderem darauf aufmerksam, dass sie sich aufgrund ihres abweichenden Verhaltens sowie der Wahrnehmung von ihren Lehrern und Mitschülern unverstanden fühlen. Wegen der Lese- und Rechtschreibschwäche werden diese Kinder im Allgemeinen als minderbegabt eingestuft, was zu einer Verletzung und zu einem Zurückzug ihrerseits führt. Tatsächlich sind sie (80 % der Kinder) in vielen Bereichen überdurchschnittlich begabt, was zu einer Unterforderung in den schulischen Leistungen führen kann.
Ein Mädchen berichtet, dass sie komplexer denkt als die anderen Kinder und tiefer in die Materie einsteigt. Die anderen Kindern verstehen ihre Denkweise nicht. In den Erfahrungen der Eltern wird viel über ihre Hilflosigkeit und Überforderung berichtet. Sie suchen Hilfe und Wege zur Lösung der Probleme ihrer Kinder, bauen deren Selbstwertgefühl wieder auf, was in der Schule sehr gelitten hat. Einige Eltern erzählen über die Schuldzuweisung der Schwäche ihres Kindes, mit der Begfründung einer mangelhaften Erziehung und dem chaotischen Verhalten . Es wird durch Befragungen der Lehrer an verschiedenen Schulen erkannt, dass ein Verständnis bzw. Umgang mit dem Thema „Legasthenie" nur in Maßen vorhanden ist.
S. Steltzer stellt Therapien und Techniken in ihrem Buch vor, die Hilfen für Betroffene und Angehörige sein können. Z. B. lernen die Kinder erfolgreich mit dem Computer Lesen und Schreiben. Dieser Lernvorgang schließt leidvolle, traditionelle Erfahrungen aus. Das Lernen mit dem Computer macht Legastheniker unabhängiger von Personen und Erinnerungen an die Schwäche. Ein weiterer Punkt ist das aktive Lernen . Es wurde berichtet, dass die Kinder das Alphabet aus Ton erstellten, um es auch im Gedächtnis zu begreifen.
Wenn Ronald Davis (Autor, der in diesem Buch ebenfalls Stellung nimmt, bezogen auf Legasthenie) damit Recht hat, dass Legastheniker primär in Bildern denken, und darin sogar ihre besondere Begabung liegt, würde das, was heute noch als Defekt, Wahrnehmungsstörung etc. eingestuft wird, morgen vielleicht umgekehrt als Qualität eingestuft werden.
Das Hauptanliegen dieses Buches ist es, bewußt zu machen, wie früh und nachhaltig Begabungen durch Bewertungsschemata negativ beeinflusst werden können. Ziel eines modernen Bildungsssytems muss es sein, Begabungen zu erkennen und sie nicht zu verhindern.
Mir öffnet diese interessante Darstelllung einen neuen Blick auf das Wahrnehmungstalent Legasthenie. Das Buch ist deshalb auch sehr interessant zu lesen, weil man Teil hat an Gesprächen mit Eltern, Lehrern, Künstlern, Wissenschaftlern und den Betroffenen - den Legasthenikern. Das Buch weckte in mir Verständnis für spezifische Probleme, denen legasthenische Kinder wie auch deren Eltern ausgesetzt sind. Es regt zum Nachdenken, wenn nicht gar zum Umdenken an.
Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: - Plädoyer für einen mutigen Vorgang - Unsere Geschichte - Was ist Legasthenie - Legastheniker und ihre Erfahrungswelt - Maxis Weg
Judith Dee