Buchempfehlung: Laurens van der Post "Wenn Stern auf Stern aus der Milchstraße fällt" - Diesseits von Afrika: Wer Afrika in seinem Herzen, in seiner Seele kennenlernen und bis unter die Haut spüren will, wie die Seele Afrikas die Welt empfindet und wahrnimmt, der muß unbedingt Laurens van der Posts Afrika-Romane lesen, die als Taschenbücher erschienen sind. Auch wenn moderne Afrikaner in den Großstädten von heute auf Touristen einen anderen Eindruck machen, Laurens van der Post beschreibt das, was diese Menschen geformt hat und unter der Schwelle noch immer schaltet und waltet. Sir Laurens ist ein intimer Kenner Afrikas und feinfühliger Beobachter von Beziehungen. Seine Sensibilität geht bis in die kleinsten Fasern und Poren von Beziehungen zwischen Menschen, ja zwischen allem Lebenden überhaupt. Was geschieht, „wenn Stern auf Stern aus der Milchstraße fällt", erfährt der Leser/die Leserin hautnah im gleichnamigen Buch. Das Ganze spielt sich im Süden Afrikas, in Hunter's Drift, an der Punda-Ma-Tenka-Straße ab, die, vom Kap der Guten Hoffnung kommend, über Francistown und Hunter's Drift nordwärts zu den Victoriafällen (von den Afrikanern „Msuyhi-tonyi", Rauch-der-donnert, genannt), über Angola zum Indischen Ozean führt. Hier lebt der weiße Farmerssohn Francois mitten im Busch in der Gesellschaft von Matabele-Hirten, Buschmännern und der gewaltigen Tier- und Pflanzenwelt Afrikas. Und da ist Hintza, sein treuer Begleiter, ein ridge-back (bekanntester Jagdhund Südafrikas), der ihm sozusagen als vierbeiniger Schutzengel dient. Ohne Hintzas feines Gespür hätte das Buch Seite 13 kaum überschritten und Francois schon mit 13 Jahren „seinen Schatten abgeben müssen" (auf deutsch: sterben müssen). Trotz einer gesetzlichen Schulpflicht „für alle europäischen Kinder" schicken die Eltern Francois nicht zur Schule. Sie befürchten, „daß sogar in den besten Schulen... auf eine Art und Weise unterrichtet wurde, die über 'das andere Wesen' in den Kindern hinwegging", daß die Kinder „nach einer allgemeinen Schablone zurechtgestutzt" und „die Schule . . . als ein Mensch verlassen" würden, „der wie eine Maschine von einem fühllosen Förderband in einer großen Fabrik herkam". Kurzum machen sie aus ihrem Haus in Hunter's Drift eine Privatschule. Zu den auserwählten Lehrkräften der Privatschule mit einem Schüler, nämlich Francois, zählen seine Eltern, Bamuthi, der oberste Matabele-Hirte, Mopani, der Wildhüter, Hintza, die Natur und die Mythen und Märchen der Amaxosa. Hier lernt Francois für's Leben, hier wird er Mensch.
Im Mittelpunkt des Buches stehen achtzehn Monate im Leben des Francois Joubert. Was dieser Junge im Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren erlebt, ist atemberaubend. Wollte ein europäischer Jugendlicher so viel so intensiv erleben, benötigte er sicher mehrere Leben, es sei denn, er wohnte in einem Hochhaus am Rand einer Metropole wie Paris oder gar im ehemaligen Jugoslawien... Mit Hintzas Unterstützung gelingt es Francois, den Buschmann Xhabbo aus einer Löwenfalle zu retten, nachdem er zuvor einen angreifenden Leoparden mit dem 8-eckigen Vorderlader seines Großvaters zur Strecke gebracht hat. Aufgrund der angespannten gesellschaftspolitischen Situation ist diese Rettungstat brisant, weshalb er sie geheim hält und den verletzten Xhabbo in einer heiligen Höhle versteckt. In den Augen Xhabbos liegt „ein merkwürdiges Licht, das aus so früher Zeit zu kommen schien, daß es Francois den Atem verschlug". Xhabbo und Francois werden Freunde auf Leben und Tod. Erstaunlich, wie Laurens van der Post die Spannung während des gesamten Buches hält und es am Schluß noch zu einer- wenngleich schrecklichen - Steigerung kommt. Innerhalb der spannungsgeladenen Ereignisse erfahren wir so nebenbei etwas über die „tiefe Abneigung der Afrikaner..., eine Sache überstürzt zu erledigen". Die Matäbele lehren Francois, „geduldig zu sein, denn... Geduld sei ein Ei, in dem große Vögel ausgebrütet würden.... Im Busch kam alles Schlechte im Leben von der Eile her, denn Eile war auch ein Kind der Furcht". Ein Mensch „mit einem Herzen, das nicht frei ist von Furcht,.. .kann auch nicht wissen, wie er die Wahrheit sagen, wie er die Schwachen verteidigen...soll." Francois „mußte auch lernen, wie man sang und tanzte, denn mit Singen und vor allem mit Tanzen konnte man seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für alles Schöne im Leben. Singen und Tanzen halfen einem.., mehr als alles andere, die großen Prüfungen des Daseins zu bestehen". Er lernt, „Schmerzen zu ertragen und ohne Klagen zu leiden" und „leicht um andere" zu „weinen", „obwohl er nie um seiner selbst willen weinen sollte". Erfahrung lehrt ihn, „daß man erst dann mit einer Kränkung fertig geworden ist, wenn man sie in Worte fassen und über sie sprechen kann.". Außerdem lernt er, „in seinem Herzen nach den Dingen zu fragen, für die es keine Worte gab. Wenn jemand sich nicht darauf verstand, auf diese Weise zu fragen, bekam er auch die Antwort nicht, die ihn und seinen Stamm davor bewahrten, den Geist zu verlieren". Francois hat „das Glück, frei zu sein vom Argwohn gegenüber Instinkt und Intuition, in den das heutige Europa die menschliche Vorstellung einsperren möchte", aber er hält sich nicht für einen Unschuldsengel, weil er weiß, daß er „von früher Jugend an gezwungenermaßen ein Werkzeug des Todes geworden" ist, „weil er mithalf, Wild zu erlegen". Im Busch „diente der Tod dem Leben". „Es gab.. .wohl kaum einen Tag, wo er nicht irgendein Lebewesen hatte sterben sehen". Es ist "leichter, das Feuer im Haus des Nachbarn zu löschen, als mit dem Rauch im eignen fertigzuwerden." Ein Höhepunkt des Buches liegt in den vielen Ereignissen, wo Tiere eine wesentliche Rolle spielen, die derart intim geschildert werden, daß man geradezu Lust verspürt, in Drifter's Hunt zu leben. Wenn zum Beispiel Adonis, der Oberguru der aufopferungsvollen Paviane, vor Schreck direkt vor die Füße einer riesigen kupferfarbenenen Kapkobra fällt. „Glücklicherweise geriet die Kobra, neben der er landete, durch diese Niederfahrt eines himmlischen Gottes so aus der Fassung, daß sie seitwärts in die Dornsträucher schoß.". Oder das Stachelschwein, das „den Buschmännern zufolge den feinsten Geruchssinn von allen Lebewesen" hatte. Der gewaltige Unterschied zwischen den Elefanten, die, „selbst wenn sie ganz langsam gehen, so weite Schritte machen, daß sie unglaublich schnell vorankommen" („Ein Mensch kann auch im Laufschritt kaum mit ihnen gleichziehen."), und dem Nashorn, das es, „wie alles Böse, immer eilig hat und immer stracks angreift" („Es rennt alles über den Haufen, selbst den Unschuldigen."). Dann eine spannende, ja heilige Begegnung mit einer Gottesanbeterin, Erlebnisse mit einem Klippspringer...
Am Rande erfahren wir auch einiges über Namen und Sprachen, über „elektrische Konsonanten" mittels derer sich Xhabbo und Francois "unterhielten, die zwischen ihnen hin- und herfuhren wie hausgemachte Blitze". Der Name der schnellsten Antilope Afrikas, Tssessebe, der „das Flirren des Windes nachahmte, den sie durch ihre Schnelligkeit erzeugte und der durch ihr glänzendes, tizianrotes Fell pfiff.", der Go-away-bird (Grauer Lärmvogel), der „zum Weggehen aufforderte: 'Oh-go-go-go-away! Go away!". Spätestens nach der Lektüre des Buches kann man Mopani beipflichten, „die Vögel und Tiere, überhaupt die ganze Flora und Fauna in Afrika seien von Natur aus fromm, denn es gab keine andern Lebewesen, die so unbedingt den Gesetzen ihrer eigenen Schöpfüng gehorchten". Auch „die Landschaft ist nie traurig, man ist es höchstens selbst". Eines Tages singen die Vögel, die immer alles im voraus ankündigen, anders. „Wer Ohren hatte, zu hören, war in seinem Herzen schon darauf vorbereitet." Francois ahnt Schlimmes. Ausgerechnet jetzt, wo seine erste große Liebe zu Nonnie entflammt, wo zuhaus eine neue Ordnung möglich wird, ausgerechnet jetzt überschlagen sich die politischen Ereignisse oder soll man sagen Konsequenzen. Sagte doch einst sein Vater, „die Zukunft Afrikas könne, wenn sie nicht zunehmend zerstörerisch werden sollte,.. .nur schöpferisch sein, wenn sowohl Afrikaner wie Europäer einen Erziehungsprozeß durchmachten, der auf eine gemeinsame, nicht von Rassenvorurteilen bestimmte Lebensführung abzielte". Auch Mopani hatte Unglücksahnungen, weil „die Welt von Alleswissern wimmelte, die lediglich wußten, was sie wußten, und nicht mehr, was sie nicht wußten" und „daß sie hier im Busch in einer äußerst privilegierten Welt lebten und daß das Leben nichts so sehr verabscheue wie Privilegien". "Wenn Stern auf Stern aus der Milchstraße fällt" - ein Buch für junge Herzen!
5 Rätsel aus dem Buch: 1.Was steht immer und setzt sich nie? 2.Was ist ein Tillenkie? 3.Was versteckt sich im Licht wie andere Dinge in der Finsternis? 4.Was fällt von Berggipfeln und zerbricht nie? 5."Wer allzu oft an der gleichen Stelle am Flußufer Wasser schöpft, endet im ............". Lesen Sie weiter... ›