Bei diesem Buch handelt es sich wahrlich um ein Standardwerk der Bewältigungsliteratur. Sowohl hinsichtlich des Stils als auch bezüglich der dargebotenen Information wird sehr schnell das Primat der Belehrung deutlich: "Auch dies ist eine wohlfundierte Absicht meines Buches", wie der Autor am Ende zugibt. Wer soweit gekommen ist (Zitat: "Wenn es dem geneigten Leser nicht zuviel wird..."), stellt fest, dass der weitgespannte Bogen Bezug auf eine ganze Palette altbekannter Klischees nimmt, wie das von der mörderischen Mentalität der Deutschen im Stile Goldhagens, oder die allzumilde Bestrafung von Kriegsverbrechern, da die Justiz der Sieger geneigt war "rechtsstaatliche, demokratische und menschenrechtliche Prinzipien" vor Gericht "in extrem täterbegünstigendem Sinne auszulegen". Inhaltlich verfehlt das Buch seinen zwar spekulativen, aber gerade daher auch seitens des Autors etwas Phantasie verlangenden Anspruch, uns über Furcht und Elend eines länger als zwölf Jahre währenden Dritten Reiches aufzuklären, obwohl es dazu zahllose Anknüpfungspunkte gibt. Die beklemmende Vorstellung, heutzutage in einem auch nur halb so verbrecherischen Staat zu leben, wird bezeichnenderweise lediglich an der Stelle lebendig, an der ein Britischer Romanschriftsteller zitiert wird, der eine Parallelwelt nach erfolgreicher "Operation Seelöwe" skizziert. Statt den Blick in die potentielle Nachkriegszukunft zu richten, wird darüber hinaus ein Gutteil des Platzes darauf verschwendet, uns die Kontinuität von Drittem Reich und Kaiserzeit näherzubringen, einfaches Schulwissen zu referieren, oder die aufgrund westalliierter Unmoral mangelnde Aufarbeitung von Verstrickungen der IG-Farben in Verbrechen zu beklagen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man derartige Ausmalungen tatsächlich guten Dichtern überlassen sollte, die geschichtliche Untersuchung und Bewertung von Tatsachen und Zusammenhängen aber den Fachhistorikern. Hinter Werken, wie z. B. denen der Philosophin Hanna Arendt, die sich mit dem Dritten Reich ebenso schonungslos wie differenziert und fundiert beschäftigt, muss man Ralph Giordanos Schrift leider als schlechte Lektüre bezeichnen.