Ich habe das Buch gerade zuende gelesen. Es ist sehr spannend geschrieben, mit zahlreichen Anekdoten aus der Welt der Wirtschaft, des Sports, der Politik und der Wissenschaften, tief in die Geschichte hinein bis zurück zu den alten Griechen. In den ersten zwei Dritteln ist es eine Art Einführung in die schliessende Statistik in Romanform und ohne Formeln. Was das Verstehen der Konzepte allerdings nicht in allen Fällen einfacher macht.
Es gibt allerdings ein paar Dinge, die mich stören oder die ich vermisse. Mich überzeugt die Anwendung des Konzepts "Zufall" in diesem Buch überhaupt nicht. Für Mlodinow scheint "Zufall" mit "gleichverteiltem Zufall" gleichbedeutend zu sein. Da geht er allerdings der umgangssprachlichen Verwendung des Worts etwas auf den Leim. In zahlreichen Beispielen demonstriert er, wie Ausgängen von Wirtschaftserfolgen, Schauspielerkarrieren etc. keinerlei Gesetzesmässigkeit zugrundeliegen würde und viel eher Produkte des Zufalls wären. Doch nur im alltagssprachlichen Umgang sind diese beiden Dinge - Zufall und Gesetz - ein Gegensatz, nämlich genau dann, wenn wir es mit gleichverteiltem Zufall, 50 zu 50-Situationen zu tun haben. Das ist aber in komplexen Systemen so gut wie nie der Fall. Der Statistiker ist gerade durch die Tatsache, daß solche rein stochastischen Komponenten, solche "White Noise"-Ereignisse eher selten sind, immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Wo auch immer er hinschaut: Überall ist Systematik im Spiel, die ihm - sofern es sich um unbekannte Zusammenhänge handelt - die saubere Statistik "verschmutzt".
Ich finde die Richtung, in die Mlodinows Botschaft geht, nicht verkehrt: "Gebt acht. Die Welt ist alles andere als so ein einfaches Schalter-Licht-System, wie Ihr (Manager, Politiker, Leser) sie immer haben wollt." Soweit so gut. Aber die Botschaft, die er dann suggeriert: "Fast alles ist beliebig (nur der Ehrgeiz nicht)",halte ich für ebenso falsch. Es gibt viele Dimensionen, die unsere Welt der einfachen Mechanik von Ursache und Wirkung entheben: Nichtlinearität (Rückkopplungen), Mikro-Makro-Wechselwirkungen, mangelnde Inforrmation über Anfangszustände und Zusammenhänge, gefilterte Wahrnehmung und eben Stochastik. Vielleicht mag es manchem als Haarspalterei vorkommen, zwischen diesen Dimensionen zu unterscheiden, nach dem Motto "Hauptsache unvorhersagbar". Aber vom philosophischen Standpunkt aus macht es für mich schon einen Unterschied, ob man die Welt quasi-nihilistisch als eine Art Lotteriespiel betrachtet oder als ein System mit mehr oder weniger zahlreichen, sich überlagernden, scharf oder unscharf wirkenden Wechselwirkungen grösstenteils unbekannter Provinienz. Im Fall des ersteren werde ich apathisch. Im letzteren Fall demütig.
Es gibt aber noch etwas, das mich stört: Sein Hang, seine Lotterietheorie ohne das kleinste Fragezeichen allen möglichen Szenarien als universale Theorie überzustülpen. Es ist ja erlaubt, Theorien zu bilden, aber er wäre es dem Leser schuldig, klarzustellen, dass es eine Theorie ist. Gerade, wenn man ein Buch über diejenige Wissenschaft schreibt, in der die Wissenschaftler wie nirgendwo anders Theorien hinterfragen. Zum Teil sind es sogar, mit Verlaub, ziemlich abenteuerliche Theorien, die aus seiner Generalthese entspringen. z.B. das Entstehen von Microsoft als pure Brownsche Bewegung darzustellen und dabei in der Darstellung einige sehr entscheidende Fakten einfach mal unter den Tisch fallen zu lassen, verlangt schon eine gewisse Dreistigkeit. Mlodinow macht es sich zu einfach und verfällt dabei einer weiteren sehr menschlichen Neigung: Die Welt auf einen einzigen plausiblen Reim bringen zu wollen. Trotzdem: Wahrt man beim Lesen etwas Distanz, lohnt sich die Lektüre allemal und man lernt sicher etwas Neues hinzu.