Für den amerikanischen Mediziner gibt es drei Grundvoraussetzungen für Erfolg in der Medizin: 1. Sorgfalt, 2. richtiges Verhalten und 3. Erfindungsgabe. Im vorliegenden Buch erklärt er die Gründe.
"Steigende Infektionsraten durch super-resistente Bakterien sind weltweit zur Normalität geworden." Eine einfache Maßnahme, wie das Händewaschen wäre ein wirksamer Schutz. Sie gehört zur Sorgfaltspflicht nicht nur von Ärzten. Leider wird diese nicht so konsequent durchgeführt, wie sie sollte. Warum? Häufig sind Gedankenlosigkeit oder Zeitdruck schuld, erklärt Gawande. Die Infektionspolizei" läßt sich daher immer neue Tricks einfallen, um die Mitarbeiter zur Händedesinfektion zu verführen". Handpflegende Gels werden lieber verwendet als austrocknende Alkohollösungen, Schilder müssen groß und bunt daran erinnern und Freikarten fürs Kino bieten ausreichend Anreiz für erfolgreiche Bemühungen.
Ausgesprochen gut gefallen hat mir das Kapitel über die Verbesserung der medizinischen Versorgung von Kriegsopfern in den letzten Jahren. Starben im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg noch 42% der verwundeten Soldaten, so waren es im zweiten Weltkrieg noch 30%, im Koreakrieg 25% und in Afghanistan "nur noch" 10%, und das, obwohl das Waffenarsenal sicher nicht weniger schrecklich und die Verletzungen nicht weniger verheerend geworden sind. Wie das gelang und was die "goldenen fünf Minuten" sind, berichtet der chirurgisch tätige Literat faszinierend und hoch spannend im Kapitel "Kriegsopfer". Doch wohin führt uns dieser offensichtliche medizinische Fortschritt durch herausragende Leistung tatkräftiger und mutiger Chirurgen? Das muß die Zukunft noch zeigen. Denn niemals zuvor haben Soldaten mit derart schwerwiegenden Verletzungen überlebt. Fluch oder Segen?
Alles eine Frage der Etikette? Wieviel Nacktheit gehört zur klinischen Untersuchung? Reicht es, einen Ärmel hochzuschieben, eine Bluse aufzuknöpfen, die Hose herunterzulassen? Mit Zeugen oder ohne? Wann fühlt sich eine Patientin mehr entblößt? Wenn eine Aufsichtsperson zum Schutz (des Arztes) anwesend ist oder nicht? Unterstellt wird ihr doch jedes Mal die üble Nachrede beziehungsweise die Unterstellung einer sexuellen Belästigung im Behandlungszimmer. Eine diffizile Gratwanderung im Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.
Auch die steigende Klagefreudigkeit von Patienten ist ein Thema. So attestiert Gawande einem Arzt, der in einem risikoträchtigen Gebiet, wie der Chirurgie oder Geburtshilfe tätig ist, alle sechs Jahre einen Kunstfehlerprozess. "In 70% der Fälle wird die Klage zurückgezogen oder der Arzt gewinnt den Prozess." Meist geht es um das Erstreiten einer Abfindung, von Juristen als Nörgelgeld" bezeichnet, die billiger ist als ein Gerichtsverfahren. Ob das dem Arzt / Patienten-Vertrauensverhältnis zugute kommt und ob es eine sinnvolle Methode ist, vermeidbare Fehler aufzudecken und zu vermeiden, bleibt dahingestellt.
Wie eine junge Narkoseärztin das Leben vieler Neugeborener durch einen einfachen Test rettete, das "Hosen runterlassen" half, die Lebenserwartung von Mukoviszidose kranken Kindern dramatisch zu verbessern und wie die Ärzte in Indien es trotz grauenhafter hygienischer und technischer Zustände schaffen, Patienten zu heilen und Menschenleben zu retten, erfahren wir in weiteren Kapiteln dieser faszinierenden Geschichtensammlung, die das Leben schrieb.
Für mein ärztliches Handeln habe ich mir die Tipps in seinem Nachwort zu Herzen genommen, so ich sie nicht schon längst befolge, um positiv von der Norm abzuweichen. Diese Tipps sind ebenso einfach, wie genial und lauten:
1. "Stellen Sie dem Patienten eine spontane Frage" (Wo sind Sie aufgewachsen? Warum sind Sie nach Boston gezogen?), denn das ermöglicht eine Begegnung auf zwischenmenschlicher Ebene.
2. "Jammern Sie nicht", denn nichts in der Medizin ist so uninspirierend wie ein jammernder Arzt
3. "Zählen Sie etwas", denn damit wird man ein Forscher und wer zählt, was er interessant findet, lernt zugleich etwas Interessantes.
4. "Schreiben Sie etwas", denn das sorgt für Reflexion eigenen Denkens und Handelns.
5. "Verändern Sie etwas", denn nur das bringt uns weiter.
Atul Gawande wurde 1965 als Sohn eines Ärzteehepaares geboren. Er hat indische Wurzeln, studierte zunächst Philosophie, Politik und Ökonomie in Stanford und Oxford und schließlich Medizin an der Harvard Medical School. Heute arbeitet er als Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston, lehrt als außerordentlicher Professor an mehreren amerikanischen Hochschuleinrichtungen und ist Leiter eines Checklisten-Programms der Weltgesundheitsorganisation für sichere Chirurgie. Atul Gawande schreibt regelmäßig Beiträge zu medizin-ethischen Themen im "New Yorker" und veröffentlichte vor einigen Jahren mit großem Erfolg das Buch
Die Schere im Bauch: Mysterien der Medizin. Diese Veröffentlichung brachte ihm sogar eine Nominierung für den National Book Award ein.
"Die Entscheidungen, die ein Arzt trifft, können nicht immer perfekt sein, doch sie verändern das Leben von Menschen." Als Insider berichtet ein Chirurg distanziert und doch leidenschaftlich von komplexen Problemen der modernen Medizin, die so vielfältig sind, wie das Leben selbst. Als Arzt erlebt er die Widersprüche des Medizinbetriebes am eigenen Leib und ist doch selbst Rädchen im Getriebe. "Über Leben und Tod" ... für eine bessere Medizin ist eine kluge Ansammlung von aufwendig recherchierten und abwechslungsreichen Berichten aus der Welt der ärztlichen Heilkunst und so spannend geschrieben, wie ein Thriller.