Bei Janet Frames Erstlingswerk "Wenn Eulen schrein" handelt es sich um einen Roman, aber liest man sich ihre Vita durch, lassen sich autobiografische Züge erkennen.
Äußerst genau werden die tragischen Umstände und das Schicksal der Familie Withers beschrieben.
Der Eisenbahner Bob Withers lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in einer neuseeländischen Kleinstadt.
Die Älteste, Francine, muss mit 13 Jahren die Schule verlassen um in der naheliegenden Spinnerei Geld zu verdienen. Die ewigen Geldsorgen veranlassen den Vater zu diesem Schritt.
Toby, der einzige Sohn der Familie leidet unter epileptischen Anfällen und ist somit eine große Belastung für die Familie.
Dann gibt es noch Daphne, die später mit Verdacht auf Schizophrenie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird, und Chicks das Nesthäkchen.
Lange kann Francine nichts zum Unterhalt der Familie beisteuern, denn sie kommt bei einem tragischen Unfall, bei dem die Geschwister Zeuge sind, ums Leben.
Nichts ist gut in dieser Familie, niemand ist glücklich.
Chicks, später Teresa, in ihren erwachsenen Jahren sehr weit von zuhause weg, ist in ihren verzweifelten Bemühungen Eindruck bei Freunden zu machen, einfach nur bedauernswert:
"Was kann ich mehr vom Leben verlangen, als gern gesehen und beliebt zu sein."
Sie entwickelt sich zu einer spießigen Hausfrau deren einziges Sehnen Luxus, Kleider und Reisen ist. In ihren Tagebucheinträgen kommt das ganze Unglück der Familie Withers zum Vorschein.
Daphnes Beschreibungen aus der Anstalt und die Behandlung durch Elektroschocks lassen einen die Luft anhalten.
Die Mutter hofft und vertraut auf Gott und der Vater tut nichts. Er läßt sich von seiner Frau von morgens bis abends bedienen.
Es gibt Passagen in diesem Buch die mir sehr unter die Haut gegangen sind und Janet Frame beeindruckt mich einmal mehr durch ihre unfassbar poetische Sprache, die aber gerade in Daphnes Welt surrealistische Züge annimmt und durch ihre Reduzierung das ganze Grauen offenbart. Oft habe ich mich während des Lesens gefragt wie es möglich ist eine so tragische Familiengeschichte in Worte zu packen, dass man geneigt ist zu sagen: Was für ein wunderschönes Buch!
"Wenn Eulen schrein" hat mich noch mehr begeistert als "Dem neuen Sommer entgegen" (C.H. Beck 2010) und wird ganz bestimmt noch lange nachwirken.
Welch ein Glück für den Leser dass sich der Verlag C.H.Beck dem Werk Janet Frames angenommen hat und im Herbst 2012 schon das nächste Buch der beinahe vergessenen, aber unvergleichlichen Autorin herausbringt.
2003 war sie für den Nobelpreis nominiert, 2004 ist sie im Alter von 79 Jahren verstorben.
Eine Schriftstellerin die mir sehr am Herzen liegt und der ich ganz viele Leser wünsche.