Entgegen dem Klappentext handelt es sich eigentlich nicht um "eine Anleitung, mit Wut und Ärger besser umzugehen". (Da ist z.B. der Ratgeber von McKay und anderen, "Wenn Eltern die Wut packt" eine sinnvolle Ergänzung). Vielmehr ist es sich um ein gut recherchiertes und einfühlsam geschriebenes Panorama der vielen tiefer liegenden sozialen und psychischen Gründe, dass Eltern aus der Haut fahren. Darunter sind: die Umstellung auf das Leben mit einem kleinen Kind und die Isolierung, die vor allem junge Mütter in dieser Situation erfahren (können), die verwirrende Vielfalt an Erziehungszielen, -konzepten und -tipps und dadurch resultierenden Verunsicherung; Überforderung durch Alleinerziehen, Arbeitslosigkeit, Geldmangel; überzogen idealistische Erwartungen an das Familienleben, das Kind oder sich selbst; eigene Kindheitserfahrungen; Ablehnung des Kindes aus den unterschiedlichsten Gründen; "Machtkämpfe" mit dem Kind; die Überzeugung, dass Strafen sein müssen; Unerfahrenheit im konstruktiven Streiten... Jedem der Themen ist ein Kapitel mit einer Problembeschreibung gewidmet, darauf folgt ein Fallbeispiel und ein Interview mit einer Fachperson (z.B. Therapeut/in, Berater). Gegen Ende bricht diese Struktur allerdings etwas auf.
Gerade aus den Fallbeschreibungen und Interviews können durchaus auch Anregungen für Lösungswege gewonnen werden; sehr konkret wird das allerdings nicht und erfordert etwas Initiative, um es auf den eigenen Fall zu beziehen und zu konkretisieren. Die Stärke des Buches liegt eher darin, ein verbreitertes und vertieftes Hintergrundverständnis für die Ursachen von Wut und Gewalt, aber auch für mögliche Lösungswege zu wecken, so dass man idealerweise zu sein eigenes Problem besser durchschaut, aber auch Verständnis und Empathie für die darunter leidenden Kinder geweckt werden. So kann das Buch zu Veränderungen motivieren - um sie praktisch umzusetzen, hilft dann vielleicht eher ein praxisorientierterer Ratgeber oder, wenn nötig, eine persönliche Beratung.
Das Buch bezieht sich vor allem auf Kinder bis zum Schuleintritt; über die Spezifika des Lebens mit älteren Kindern und Jugendlichen erfährt man kaum etwas.