In Deutschland hat sich ein Alarmismus ausgebreitet, der keine Zweifel kennt: Die Wirtschaft erlahmt, die Systeme sozialer Sicherung bluten aus, die Familien bieten keinen Halt mehr. Schuld daran trage der Fall der Geburtenrate, so dass einstimmige Credo aktueller Bücher und öffentlicher Debatten.
Dem stellt sich der erst kürzlich verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich entgegen in seinem Buch "Weniger sind mehr". Hondrich, der Soziologie im ursprünglichen Sinn als Neugierwissenschaft betrieben hat, widersetzt sich mit großer geistiger Unabhängigkeit den demographischen Katastrophenszenarien, indem er die Dinge verstehen will, wie sie tatsächlich sind.
In einer erfrischend erhellenden Argumentation zeigt er, dass eine niedrige Geburtenrate für moderne westliche Gesellschaften keine Bedrohung ist, sondern deren Merkmal. Sie ist die notwendige Begleiterscheinung soziokulturell gesteuerter Evolution. Wohlstand, Bildung, Freiheiten, Gleichberechtigung der Geschlechter, soziale Absicherungen, Medizin, ja Wissenschaft schlechthin - sind es, die die Geburtenziffern absenken. Allesamt westliche Werte. Wo sie Einzug halten, sinkt die Fertilitätsrate. Traditionelle und industriell nachziehende Gesellschaften sind mittlerweile stärker davon betroffen als postindustrielle. Der Fall der Geburtenrate ist also global. "Weltweit ist die durchschnittliche Kinderzahl in den letzten 30 Jahren von 4,8 auf heute 2,8 Kinder pro Frau gefallen."(S.262)
Hondrich hält uns quasi einen Spiegel vor. Keinen der westlichen Werte möchten wir preisgeben, gleichzeitig aber auch auf Kinderreichtum nicht verzichten. Doch was der Okzident als soziokulturelle Errungenschaft hervorbringt - die Romantische Liebe, das Wunschkind, die Pille, die Emanzipation der Frauen, um nur die naheliegendsten Einflussfaktoren zu nennen -, verwehrt ihm eine hohe Reproduktion.
Kultur ist uns zur zweiten Natur geworden und bekommt so den Anschein von Natürlichkeit. Mit "natürlicher Maßnahme" aber hat das selbstredend nichts zu tun. Dahinter stehen gesellschaftliche Entwicklungen mit handfesten Zwängen - soziokulturelle eben!
Hondrichs neue, sich von anderen unterscheidende Argumentation liegt in der Betrachtung von Stabilität. Vom gesellschaftlichen Fortschritt induziert hat das Absinken der Geburten positive und problemlösende Funktionen für "die" Gesellschaft. Der Clou: Hondrich misst Stabilität nicht an der Zahl der Nachkommen, also an Größe und Bestand von Populationen (quantitativ), sondern an Bestand und Problemlösungsfähigkeit sozialer Systeme. Der Geburtenrückgang ist so sehr in die Eigenlogik von vielen Systemen eingebaut und wird davon gestützt, dass er nicht durch voluntaristisches Gegensteuern der Politik, wonach mehr Nachkommen besser seien als wenige, ausgehebelt werden kann.
Für die entscheidenden Teilbereiche: Wirtschaft, Soziale Sicherungssysteme, ja sogar für Familie und kulturelles Wertsystem wird geprüft, ob ein Schrumpfen der Gesellschaft tatsächlich die prognostizierten fatalen Folgen hätte. Alles dreht sich um die Frage: Brauchen soziale Systeme tatsächlich viele Menschen als Träger von Rollen, um Probleme besser zu lösen und ihre Aufgaben zu erfüllen? Der Titel des Buches lässt das Ergebnis der Überprüfung erahnen.
Hondrichs Denkfigur besticht in der Überraschung durch das Aufweisen nicht intendierter Folgen und Zusammenhänge. So sieht er beispielsweise die eigentliche Ursache des Geburtenrückgangs in unserem immer Älterwerden.
"So wenig die Vergreisung von Individuen und Gesellschaften durch den Fall der Geburtenrate verursacht ist, so sehr verursacht andererseits der steigende Altenanteil diesen Fall!"(S.15) Provokativ gesprochen heißt das: Wir alle verursachen das Absinken der Geburten, indem wir länger leben und immer weiter nach einem langen Leben streben. Intuitiv, um jene Disparität wissend, erhalten politisch verordnete und staatlich subventionierte Geburtenförderungsprogramme unsere uneingeschränkte Zustimmung. Doch zu den Wirkungen der Politik gehören immer auch unbeabsichtigte. Sie bleiben gern unbedacht. Hondrich um die Ecke denkend: "Was Kindern dienen soll - Mutterschutz, Kündigungsschutz, Anspruch auf Elternzeit und Freihaltungsanspruch, Sonderanspruch auf Verringerung der Arbeitszeit und Teilzeitanspruch für Mütter und Väter, Erziehungsurlaub -, kann Eltern schon im Vorhinein den Job kosten. Was auf die finanziell angespannte Lage der jungen Familien hinweisen soll - die öffentlich vorgerechneten Kosten für jedes Kind -, mag einige erst recht vom Kinderkriegen abschrecken."(S.252)
Den Lesern dieser Rezension wird nicht entgangen sein, dass ich das Buch "Weniger sind mehr" als eine echte Bereicherung der öffentlichen Diskussion über den demographischen Wandel ansehe. Die Besonderheit der Sichtweise auf die Selbstlenkungskräfte und den Selbsterhalt sozialer Systeme führt zu Erkenntnissen, die in dieser Form neu sind und als Zugewinn einer bereits seit langen geführten Debatte gesehen werden können. Zugegeben, man muss nicht immer mit der Argumentation und den Bewertungen des Autors konform gehen. Ein gewisses Unbehagen wird hier und da sowieso erzeugt durch die Befremdlichkeit der Systemlogik, die nicht nach Moral, sondern nur nach Funktion fragt. Aber der Erkenntnisgewinn - das demographische "Problem" nicht nur über die Zahlen oder die Demographie selbst zu erfassen, sondern über die sozialen Systemzusammenhänge -, ist dagegen enorm, wie ich finde.
Hondrich stellt die öffentliche Debatte damit vom Kopf einstückweit auf die Füße.
Toll!