Er hat einen Topagenten mit Hornbrille gespielt, er war Filmpartner eines Frosches sowie ein transsexueller Killer, und er hat zwei Mal im Vergleich Original/Remake die Rolle getauscht. Dass Michael Caine ein vielseitiger Schauspieler ist, verwundert noch weniger, wenn man sein vorliegendes Buch gelesen hat, das aus einem Kurs für Filmschauspieler entstanden ist: Grund hierfür ist vor allem Professionalität, die ihn zur Anverwandlung verschiedenster Typen befähigt, so wie ein guter Architekt einen indischen Palast und einen Bankentempel in Folge bauen kann. Filmen (auch Vorbereitung und selbst das stundenlange Herumsitzen und Warten auf den Einsatz) ist harte Arbeit. Filmen ist professionelles Teamwork, Allüren können sich nur ganz, ganz wenige leisten. Und die Kamera, diese unbarmherzige Geliebte, macht alles, wirklich alles auf der Leinwand sichtbar, wenn wir Zuschauer gewisse Irritationen vielleicht auch nur unbewusst wahrnehmen. Also hat sich Caine genau denselben akribischen, forschenden Blick ("scrutiny") zugelegt und offenbart ihn seinen Schülern bzw. Lesern. Was für ein Geschenk! Wie schon eine auf dem Klappentext zitierte Pressestimme zu Recht meint, nicht nur für Profis, sondern auch für alle Film-Interessierten, deren Wahrnehmung noch mehr geschärft werden kann. Das Buch ist amüsant und anekdotenreich geschrieben, wobei die G'schichten vom Set immer etwas zu Caines jeweiligem Anliegen beitragen. Dabei plaudert der Mann nur scheinbar aus der Trickkiste. Austricksen lässt sich nämlich so leicht keiner, die Kamera am allerwenigsten. Caines Tipps sind daher nur scheinbar Tricks, aber in Wirklichkeit die Konsequenz daraus, seine Aufgabe ernstzunehmen und sich genau zu vergegenwärtigen, was man darstellen soll. Beispielsweise kann man so zu dem scheinbaren Widerspruch der kontrollierten Spontaneität gelangen, denn man bereitet sich zwar akribisch vor und dreht vielleicht Take um Take, aber in der Handlung geschieht etwas natürlich zum ersten und einzigen Mal. Auch so etwas kann und sollte ein guter Darsteller einstudieren wie seine Rollen. Dass Caine durchgängig Dinge auch anhand eigener Unzulänglichkeiten bei Film- und Probeaufnahmen illustriert, macht ihn umso sympathischer.
Interessant ist, welche Darstellerkollegen in welchem Zusammenhang erwähnt werden (wobei Caine immer der Gentleman ist, der konkrete Namen nur bei Positivbeispielen nennt). Dass ein Mann mit dem Motto "weniger ist mehr" den zu Unrecht als Dumpfbacke verschrienen Sylvester Stallone nennt, der doch augenscheinlich ein paar Ligen tiefer spielt, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Wichtiger noch scheint mir die Erwähnung von Marilyn Monroe und Marlon Brando. Erstere, weil Caine damit die Ausnahme von seiner eigenen Regel zugibt, dass niemand sich Unprofessionalität (z.B. Unpünktlichkeit!!!) leisten könne. Es gibt eben die Darsteller mit dem gewissen Etwas, das erst (und vielleicht nur) auf der Leinwand richtig zur Geltung kommt, da hat Caine genau das richtige Beispiel gewählt. Brando ist mir persönlich wichtig, weil Caine damit speziell bei mir den Horizont erweitert und meine bisherige Meinung auf den Prüfstein gestellt hat: Während ich ihn für einen guten, aber gelegentlich zu outrierten Schauspieler halte, meint Caine, man könne an ihm gerade sehen, dass die perfekte Anverwandlung einer Rolle zu großer Entspannung und einem sehr nuancierten, bewussten Einsatz der Augen (die für die Kamera ausdrucksstärksten Körperteile) führen könne. Muss ich endlich mal durch Schließung der Bildungslücke "On The Waterfront" überprüfen...
Das Buch kann also für jeden ein Gewinn ganz eigener Art sein, unterhaltsam ist es in jedem Fall. Ergänzend sei hinzugefügt, dass der Kamera gnadenlose Sichtbarmachung von Stimmungen auf dem Set, wenn man ihre Überdeckung nicht genauso professionell einstudiert hat wie die Rolle, auch einmal positive Effekte haben kann: "Miss Davis, Sie MÜSSEN in Henry Fonda verliebt sein", so eine Journalistin zu Bette Davis nach "Jezebel" (1938). Bei Davis' Close-Ups war Fonda jedoch gar nicht mehr am Set, und die Davis schaute den Regisseur William Wyler an. Auf ihn bezogen hat es übrigens gestimmt...