Ian Kershaw stellt in diesem Buch die seiner Ansicht nach entscheidenden Wendepunkte nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Diskussion. Diese Entscheidungen fielen alle in der Periode zwischen dem Frühjahr 1940, als sich für Frankreich (und England) ein Desaster abzeichnete und dem Herbst 1941, als Hitlers Wehrmacht im Schlamm vor Moskau zum Stehen kam. Die Brennpunkte sind Berlin, Rom und Tokio auf der Seite der agressiven Achsenmächte, sowie London, Washington und Moskau auf jener der defensiven Alliierten.
England beschliesst unter der Führung Churchills im Juni 1940, sich keinem Friedensdiktat Hitlers zu unterwerfen und den Krieg fortzusetzen, in der Hoffnung, im Laufe der Zeit von den USA unterstützt zu werden. Hitler entscheidet sich, die Invasion Englands auf unbestimmte Zeit zu verschieben, um zuerst die Sowjetunion in einem Blitzkrieg nieder zu werfen. Mussolini will, in völliger Verkennung seiner militärischen Möglichkeiten, im Windschatten Hitlers sich seinen Anteil an der Beute heraus schneiden und Herr übers Mittelmeer werden. Tokio entschliesst sich, sein Imperium über China hinaus nach Südostasien auszudehnen, unter Inkaufnahme des Widerstandes der USA. Roosevelt sieht sich genötigt, sein kriegsunlustiges Volk und den Kongress davon zu überzeugen, dass England unter allen Umständen mit Kriegsgütern zu versorgen ist, was später faktisch zum Kriegseintritt der USA führen muss. Stalin seinerseits glaubt, alles besser zu wissen und entscheidet sich dafür, alle Warnungen hinsichtlich eines unmittelbar bevorstehenden Angriffes der Wehrmacht in den Wind zu schlagen, nachdem er die Rote Armee ihrer fähigsten Führer beraubt hat. Die Entscheidungen des Jahres 1941 fallen in der Folge der vorangegangenen Ereignisse in Tokio (Pearl Harbour) Washington (schleichender Kriegseintritt ohne Kriegserklärung) und Berlin (Krieg gegen die USA und "totaler Krieg" mit der Ermordung der Juden).
Naturgemäss konzentriert sich die Entscheidungsgewalt in Diktaturen auf Einzelfiguren (Hitler, Mussolini, Stalin), während im Falle von England, den USA und, beschränkt Japan, Entscheidungsprozesse auch unter Berücksichtigung zunächst widerstrebender Meinungen in Gang kamen.
Kershaw gelingt es brillant, anhand dieser Weichenstellungen die politischen Verhältnisse jener Zeit in den betroffenen Ländern anschaulich zu schildern und die Entwicklungslinien, die zu diesen, für die ganze Welt schicksalhaften Entscheidungen führten, zu skizzieren.
Gewiss, Entscheidungen hätten auch anders ausfallen können und wären dann Gegenstand kontrafaktischer Geschichtsschreibung. Kershaw ist sich dessen bewusst, erliegt aber der drohenden Gefahr nicht. Dennoch meint er im Vorwort, man könne sich kontrafaktischen Überlegungen nicht ganz verweigern, denn nur so erschlössen sich die historischen Ereignisse in ihrer wahren Dimension. Dem kann man sehr wohl zustimmen.
Kershaw ist ein grosses Werk gelungen und sei allen zeitgeschichtlich Interessierten, und vor allem jenen, die es werden wollen, ans Herz gelegt.