5.0 von 5 Sternen
Das unbekannte 1968: Die verpasste Weltrevolution, 24. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Weltwende 1968?: Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Gebundene Ausgabe)
Woran denkt man heute, wenn man an 1968 denkt? Erst einmal nur an ein Jahr, zweitens nur an Studierende, drittens an die Universitätsmetropolen Paris, Berlin und Berkeley, an Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, den Tod Benno Ohnesorgs ' im Großen und Ganzen also an das Geschehen an Universitäten in Europa und den USA in einem einzigen Jahr. Jens Kastner und David Mayer sind mit ihrem Sammelband 'Weltenwende 1968' angetreten, diese Sichtweise zu relativieren. Die vier Hauptaspekte, die ihren Sammelband leiten, sind ein globaler Blick, eine Fokussierung der explizit nicht-studentischen Proteste, das Verständnis von '1968' als einem symbolischen Jahr in einem Kampzyklus und letzten Endes eine Historisierung, die diesen Namen auch verdient. Denn im Gegensatz zum Feuilleton und der Populärwissenschaft ist Kastner und Mayer 1968 nicht das Jahr der Studierenden Europas.
Angelehnt an Eric Hobsbwams Ausspruch vom 'kurzen 20. Jahrhundert' sollte 1968 als Chiffre für die 'langen 1960er Jahre' gelten, denn ansonsten lassen sich die Ereignisse von 1968 kaum erklären. Wo dieser Kampfzyklus beginnt und aufhört, darüber streiten sich HistorikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen durchaus: Für die einen markiert die kubanische Revolution den Beginn dieses Zyklus und der Sturz Salvador Allendes in Chile das Ende. Das ist eine sehr politikwissenschaftliche Herangehensweise, denn hier wird nur die 'große Erzählung' der staatlichen Politik betrachtet. 1968 hatte aber auch in Deutschland eine spezifische Vorgeschichte.
Die ' nicht erst 1968 beginnenden ' ArbeiterInnenwiderstände in verschiedensten Ländern liefern einen Hinweis darauf, dass 1968 auch strukturelle Hintergründe hatte. Marcel van der Linden stellt in seinem Beitrag (S.23 ' 34) einen Überblick der Streiks und proletarischen Proteste dar und stellt sich die Frage, warum diese global gleichzeitig stattgefunden haben. Als Aspekte benennt er das nahende Ende des globalen Wirtschaftswachstums, das zumindest empirisch wachsende ArbeiterInnenunruhen intendiert ' spätestens 1972 ist das keynesianisch-fordistische Modell in der endgültigen Krise. Gleichzeitig hat sich durch ein expandierendes Bildungssystem und den vorhergehenden 'Baby-Boom' die Zahl der Studierenden vervielfacht und damit auch jener, die nicht aus den traditionellen Eliten stammten und das entwickelten, was van der Linden ein 'Gewerkschaftsbewusstsein' (S.28) nennt. Drittens sind die Entkolonialisierungsprozesse zu nennen, die an vielen Orten die Entstehung nationaler Befreiungsbewegungen zur Folge hatten, die einerseits durchaus aus einem ähnlichen Erfahrungshintergrund zu Waffen griffen, andererseits in ihren Diskussionen vielerorts als Inspirationsquelle gelten können. In einem solchen weiten Sinne muss 1968 als Kumulation eines Protestzyklus gelten, der nicht nur Prag 1968 (vgl. den Beitrag Dieter Segerts: S.114 ' 129) erfasste. Mit den ArbeiterInnenaufständen in den 'realsozialistischen' Ländern wie auch mit den Befreiungsbewegungen in Afrika und Lateinamerika nahm der Kampfzyklus, den wir heute als 1968 kennen, sicherlich seinen Anfang. Eine Sonderstellung nimmt hier Jugoslawien ein: Schon früh brach der Staat mit dem sowjetischen Stalinismus. 1968 in Jugoslawien hatte eine wesentliche Differenz zu dem 1968, wie es heute im Westen reflektiert wird: Die jugoslawischen 68er kämpften für die Realisierung des offiziellen Regierungsprogramms, wie Boris Kanzleiter (S.98 ' 112) darstellt.
Betrachtet man 1968, die Thesen in dem Band Kastners und Mayers bedenkend, nicht als eine spontane, in der Ersten Welt stattfindende Rebellion, die in einem Jahr stattfand, sondern bettet die Ereignisse in Berkeley, Berlin und Paris 1968 zeitlich und global ein in die sich anbahnende ökonomische Krise, die neo- oder postkolonialen Befreiungsbewegungen, die Bewegungen für einen anderen Sozialismus in den Staaten des Ostblocks und die massiven Streiks der Zeit, so ergibt sich eine länger anhaltende globalhistorische Ereignisserie, die eine Weltwende hätte werden können ' und vielleicht teilweise eine geworden ist, denn ohne die neue Gedankenwelt von 1968 wäre auch der Zusammenbruch des Warschauer Paktes nicht möglich gewesen. Wie so oft, so zeigt sich aber auch hier, dass aus einer formulierten Idee keineswegs das werden muss, was ursprünglich mal geplant war.
Es ist in diesem Sinne durchaus angemessen, 1968 als Versuch einer heterogenen Weltrevolution anzusehen, wie es Immanuell Wallerstein macht, einer Argumentation, die die Herausgeber Kastner und Mayer folgen (S.13). 1968 war in diesem Sinne historisch ebenso relevant wie die russische Revolution 1918, die auch nicht getrennt von Umbruchsbestrebungen wie der mexikanischen Revolution 1910 ff. und den Aufständen und Räterepubliken in Deutschland betrachtet werden darf: Auch hier harmonierten gleichzeitige Umsturzbestrebungen mit einer globalen Krise.
'Weltrevolution' klingt immer auch etwas nach Ideologie. Der Verdacht könnte aufkommen, dass es hier doch nicht um eine historisierende Betrachtungsweise ginge, sondern um die Verklärung einiger wilder Streiks und studentischer Proteste zu einem homogenen Ganzen.
Kastner und Mayer umgehen diese Falle, nicht zuletzt, weil sie '1968' zwar als Weltrevolution betrachten, aber als eine gescheiterte: 'Es geht bei einer Bestandsaufnahme nicht nur darum, dass viele sozialemanzipatorische Ansprüche von '1968' uneingelöst geblieben sind, sondern auch darum, dass ein Großteil der Welt nicht einmal von jenen Reformen profitierte, die man im öffentlichen Diskurs in Europa '1968' zuschreibt.' (S.21). 'In dieser Hinsicht ist es heilsam, 1968 als eine echte Niederlage zu betrachten [...]' (S.20).
'1968' nicht mehr als eine Sache europäischer und US-amerikanischer Studierender zu debattieren, sondern in einen globalen und historischen Zusammenhang zu stellen, wie es Kastner und Mayer machen, erlaubt erst eine intersubjektive Sichtweise auf die historischen Ereignisse. Die Schüsse auf Rudi Dutschke und der Tod Benno Ohnesorgs waren nicht (nur) Ausgangspunkt einer studentischen Rebellion, sondern Folge einer Serie von Ereignissen verschiedenster Art. Wäre '1968' nichts weiter als ein Aufstand jugendlicher Studierender gewesen, es wäre schon längst aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt: Die Studierendenproteste 1997/98 in der BRD, eingerahmt in Proteste von Rentnern, Arbeitslosen und Gewerkschaften, die sich rückblickend als eine 'Kohl-muß-weg'-Bewegung beschreiben lassen (und dann auch endeten, als die erste rot-grüne Regierung an die Macht kam) haben 1968 quantitativ weit überragt. Dennoch sind die Ereignisse nicht wie 1968 zu einem kulturellem Code geworden.
Dennoch muss man nach Schluss der Lektüre feststellen, das global doch die Studierenden die Hauptakteure waren: Sei es nun die lateinamerikanische Theologie der Befreiung, der undogmatische Marxismus der Praxis-Gruppe in Jugoslawien oder die künstlerischen Interventionen der Situationistischen Internationale in Frankreich: Die wahrnehmbaren Akteure von 1968 bleiben Intellektuelle ' was aber nicht bedeutet, dass sie die einzigen waren.
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