- Taschenbuch
- Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt (1996)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3596601134
- ISBN-13: 978-3596601134
- Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 12,4 x 1,8 cm
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Produktinformation
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Literatur zu einem alten Thema
Dass «Millennium» viel mehr bedeutet als bloss «Jahrtausend», das wissen inzwischen wohl die meisten, seit die gleichnamige US-Filmserie nun auch in SAT 1 zu sehen ist. Dort dienen die Katastrophenvisionen der biblischen Johannesapokalypse als Stichwortgeber für Serienkiller und gewalttätige Weltverbesserer. Was die Serie die Zuschauer freilich nicht wissen lässt, ist die immense Rolle, welche der Millenarismus als religiöse und politische Protestbewegung vor allem im Mittelalter gespielt hat. Mit dem Nahen der Jahrtausendwende scheinen sich Anzeichen eines gegenwärtigen millenaristischen Denkens und Fühlens zu verstärken.
Verzweiflung
Wie kein anderer hat sich der britische Religionshistoriker Norman Cohn mit den sozialrevolutionären Wurzeln und den gewalttätigen, speziell antisemitischen Implikationen des Millenarismus beschäftigt. In seinem Buch «The Pursuit of the Millennium» (1957) (dt. 1970) rekonstruiert er die Geschichte millenaristischer Bewegungen des Mittelalters als die Protest- und Verzweiflungsgeschichte von Bevölkerungsgruppen, die im Prozess der Urbanisierung aus allen sozialen und kirchlichen Sicherheiten hinausgestossen wurden. Eindrucksvoll bringt Cohn millenaristische Bewegungen mit den zeitgenössischen Massenängsten in Verbindung und erweitert besonders in dem 1975 erschienenen Buch zu den Hexenverfolgungen, «Europe's Inner Demons», seinen sozialhistorischen Ansatz um eine psychohistorische Perspektive.
Den ursprünglichen Impuls für seine lebenslange Beschäftigung mit dem Millenarismus gab er, auf seine früheren Erfahrungen als Angehöriger des militärischen Geheimdienstes Englands im Zweiten Weltkrieg verweisend, dem «Sunday Telegraph» (vom 7. 1. 97) preis: «Ich interviewte viele fanatische SS-Offiziere und lernte ebensogenau die Effekte eines fanatischen Kommunismus kennen. Während dieses Prozesses kam ich zu der Überzeugung, dass, trotz ihrer pseudowissenschaftlichen Fassade, die Wurzeln beider Ideologien in archaischen Glaubensüberzeugungen lagen. Was Nazismus und Kommunismus gemeinsam hatten, war die Idee eines gewaltigen letzten Kampfes gegen einen dämonisierten Feind, sei es nun das Weltjudentum oder die Weltbourgeoisie. Und dieser Glaube ist durch und durch millenaristisch.» In seinem neuesten Buch glaubt Cohn nun den Ursprüngen des apokalyptischen Denkens auf die Spur gekommen sein. «Cosmos, Chaos and World to come. The Ancient Roots of Apocalyptic Faith» (1993), dessen deutsche Übersetzung den gewiss marktgängigeren, jedoch missverständlichen Titel «Die Erwartung der Endzeit Vom Ursprung der Apokalypse» trägt, ist so etwas wie ein nachträgliches Prolegomenon zu seinen Mittelalter- und Neuzeitstudien. Der sozial-politische Ansatz bleibt derselbe, er gerät jedoch bei der immensen Ausweitung der Perspektive seltsam flächig und eindimensional. Cohn geht es um nicht mehr und nicht weniger als «um den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Bewusstseins», also um die Ablösung der altorientalischen, statischen Kosmosvorstellung mit zyklischem Zeitmodell durch die lineare Zeitvorstellung, die auf eine apokalyptische Neuschöpfung am Ende der Zeiten hinausläuft.
Der Autor beginnt mit Ägypten, wechselt zu Mesopotamien, dann zum vedischen Indien, widmet sich schliesslich Ugarit, Kanaan und dem vorexilischen Königtum Israels. Alle diese Gesellschaften stimmten darin überein, so seine These, dass die Welt ursprünglich von einer oder mehreren Schöpfergottheiten aus einem ungeformten Chaos geschaffen wurde. Die Drohung des Chaos blieb jedoch bestehen und wurde durch das Erscheinen von Monstern und Urschlangen verkörpert. Eine zyklisch wiederkehrende Erneuerung des Kosmos vollzog sich in der mythischen Figur eines heroischen «Drachenkampfes». Der «revolutionäre» Bruch mit dieser Weltsicht ereignete sich nach Cohn mit dem Auftreten des Zarathustra (griechisch Zoroaster) um 15001200 v. u. Z.
Zoroaster sei «das älteste bekannte Beispiel für einen bestimmten Prophetentyp, der gemeinhin chiliastisch genannt wird». Zoroaster sei aus dem statischen Weltbild ausgebrochen, indem er «den Chaoskampfmythos völlig neu interpretierte»: Die Welt bewegt sich auf einen katastrophischen Endkampf zu, der in eine paradiesische Verwandlung mündet. Es seien der Dualismus und die endzeitlichen Phantasien gewesen, die die Entstehung der jüdischen Apokalyptik im dritten und zweiten Jahrhundert v. u. Z., aber vor allem die «Qumran-Sekte» und die frühen Christen beeinflusst hätten. Diese These ist in der Forschung nicht neu und wird seit langem kontrovers diskutiert. Cohn stellt sie mit Nachdruck ins Zentrum seiner Überlegungen.
Leider bleiben die konkreten Ausführungen zur jüdischen Geschichte und Apokalyptik eher eindimensional und selektiv. Gerade vor dem Hintergrund seiner sozialhistorischen Pionierarbeiten zum mittelalterlichen Millenarismus ist das Fehlen genauer historischer Verortung der radikalen Vorstellungsveränderungen und -verknüpfungen enttäuschend. Bei der Rekonstruktion der Geschichte Israels etwa streift er die Exodustradition nur am Rande und übersieht ihre bedeutende Rolle für die prophetische Theologie der Geschichte. Auch seine Darstellung des frühen Christentums verzerrt manches. Insbesondere die auf Augustinus fussende Lehre der späteren Kirche wäre der Erörterung wert gewesen, dämpfte sie doch die chiliastischen Elemente in ihrer Eschatologie und erklärte die Kirche zur Trägerin der «Fülle der Zeit» und des Heils.
Kirchengeschichte
In einer Studie des französischen Mittelalterspezialisten Claude Carozzi, «Weltuntergang und Seelenheil. Apokalyptische Visionen im Mittelalter», wird genau diese Integration von eschatologischen Heilserwartungen in die Kirche untersucht. «Die Erwartung eines erneuernden Ereignisses, die Suche nach einem heilsamen Bruch waren unnötig», kommentiert Carozzi die Lehre der Kirche, «denn alle Instrumente des Heils waren in jedem Augenblick auf Erden zugänglich, und allein die Kirche besass die Schlüssel dazu.» Im Gegensatz zu Cohns «Pursuit of the Millennium» lenkt Carozzis Studie die Aufmerksamkeit auch auf innerkirchliche Auseinandersetzungen und Balanceversuche und widmet sich ausführlich der Rolle chiliastischer Rhetorik im Machtkampf zwischen Papst und Kaiser.
Der durchaus lehrreichen Rekonstruktion dieser Entwicklungen mangelt es jedoch an einer sozialhistorischen Perspektive. Die verblüffende Resistenz und Faszination chiliastischer Vorstellungen sind dem Autor daher einzig Ausdruck «einer tiefen Tendenz des menschlichen Geistes». Dessen ungeachtet macht Carozzis Buch deutlich, wie sehr apokalyptische Visionen schillern. Sie können vergeistigt werden, die Seiten wechseln und zwischen totaler Zerstörungswut und reformerischem Impuls schwanken.
Folgt man den Studien des jungen britischen Theologen Damian Thompson, dann werden diese Beobachtungen mehr als bestätigt. Im umfangreichen letzten Teil seines Buches «Das Ende der Zeiten. Apokalyptik und Jahrtausendwende» geht der als Journalist arbeitende Autor der schillernden Vielfalt heutiger millenaristischer Tendenzen nach. Besonders extremistische Randgruppen wie der Sonnentemplerorden, die Davidianer von Texas oder die «Armageddon-Kultgemeinde» namens «Aum Shinrikyo» mit ihren Giftgasanschlägen auf die Tokioter U-Bahn scheinen vom eschatologischen Fieber ergriffen zu sein. Für seine Fallanalysen hat Thompson seinen Schreibtisch in London verlassen und Forschungen vor Ort in den USA, Japan und nicht zuletzt in Seoul betrieben. Parallel zum Wirtschaftswunder Koreas in den siebziger und achtziger Jahren ist der Anteil «charismatischer» Protestanten an der Bevölkerung von fünfzehn auf vierzig Prozent gestiegen.
Es nimmt jedoch nicht wunder, wenn der durchgängige Reflexionshintergrund von Thompsons Buch die Geschichte der Vereinigten Staaten bildet. Millenaristisches Gedankengut hat in transformierter Gestalt viele, über die Religionsgemeinschaften hinausweisende Bereiche der amerikanischen Kultur beeinflusst. Konnte Ronald Reagan noch von der Sowjetunion als dem «Reich des Bösen» sprechen, so richtet sich die Suche nach einer Verkörperung des Bösen nach dem Ende des kalten Krieges auf neue, oft im eigenen Staat angesiedelte «Objekte». Der Bombenanschlag auf die Bundesbehörde von Oklahoma City im Jahre 1995 durch einen den rechten bewaffneten Milizen nahestehenden jungen Mann könnte lediglich die Spitze eines Eisbergs gewesen sein. Thompson zumindest sagt für die Zukunft der USA die Gefahr einer Implosion millenaristischer Ängste und Aggressionen voraus.
Ulrike Brunotte
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