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Weltschmerz: Kinderszenen fast zu ernst
 
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Weltschmerz: Kinderszenen fast zu ernst [Taschenbuch]

Walter Kempowski
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (1. März 1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442722020
  • ISBN-13: 978-3442722020
  • Größe und/oder Gewicht: 18,7 x 11,8 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 523.156 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Walter Kempowski
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Gegen die Erdenschwere

Walter Kempowskis «Kinderszenen»

Das hat mit seinem Schreiben Walter Kempowski getan: deutschen Biedermännern aus dem Kaiserreich den Spiegel vorgehalten, Aussagen von Zeitzeugen des Nationalsozialismus registriert, seinen Büchern authentisches Material einverleibt und sich wegen mangelnder Autorenverweise dem Vorwurf des Plagiats stellen müssen. In seinem Haus in Niedersachsen hat der leidenschaftliche Sammler jede Menge Tagebücher, Korrespondenzen und Biographien angehäuft, um der Bestialität des Alltags in Krieg und Frieden auf die Spur zu kommen.

Nachdem er vor einem Jahr mit seinem Mammutwerk «Echolot» die Tage im Kessel von Stalingrad auf über 3000 Seiten ausufernd dokumentierte, legt der 66jährige nun einen schmalen Band über eine noch fernere Zeit vor. In «Weltschmerz» lässt er sich von der Erinnerung an die eigene Kindheit treiben. Anstatt überprüfbare Erkenntnisse aus historischen Quellen zu schöpfen, gräbt er die Schichten seines Gedächtnisses um. Anstatt Zahlen und Fakten zu einem repräsentativen Ganzen aufzubereiten, fischt er im eingetrübten Unterbewusstsein nach den versandeten Schätzen der frühen Jahre.

«Kinderszenen – fast zu ernst» lautet der Untertitel dieser impressionistischen Miniaturen in Anlehnung an Robert Schumanns Opus 15. Während sich Kempowskis «Hundstage» von 1988 wehmütig und melancholisch umwölkt dem Problem des Alterns hingaben, bevorzugt sein jüngstes Buch die Form eines lockeren Potpourris – gebrochen durch vereinzelt bedrohlich klingende Untertöne. Weder nostalgischer Überschwang noch klischeehafte Verklärung gefährden diese Kindheitsskizzen. Hinter dem losen Gewebe seiner Texte lässt der Autor immer wieder blitzartig die monströse Fratze des keimenden Nationalsozialismus aufscheinen.

In der Gestalt von Sigmund Korbach aus Rostocks Orleanstrasse unternimmt Kempowski seine Reise durch das autobiographische Unterholz. Die dreissiger Jahre rückt er vom Dunkel ins Licht und blendet ab, wo die Bruchstücke der Erinnerung nur schemenhaft im Schatten bleiben. Er belebt eine längst verflossene Zeit, in der die rosa-weissen Hanseatenkuchen noch fünf Pfennig kosteten und selbst ein abenteuerlustiger Junge den Sonntagsausflug mit Krawatte antrat.

Von den ersten Milieuerkundungen des Dreikäsehochs Sigmund erzählt er mit detailfreudiger Präzision. Ein Besuch bei der Nachbarin aus der Dachbodenwohnung gewährt Einsicht in das verpfuschte Schicksal einer Näherin, die der Wäsche ihrer Kunden Verwünschungen einhaucht. Unvergesslich bleibt der Augenblick, als der Kutscher vor der Bäckerei das Kind auf seinem Pferd thronen lässt und Sigmund später davon träumt, «dass er seine Wange an das blanke Hinterteil des Pferdes gelehnt habe».

Wenn der Winter Einzug hält und einen übermütigen «Schneekoller» in Schülerkreisen auslöst, entsteht der Eindruck, als seien die Jahrzehnte spurlos vorübergezogen. Wie bei Kempowski die Walze der Heissmangel «nie aufhören würde sich zu drehen, langsam, unerbittlich, niemals schneller, niemals langsamer, so drehte sich die Welt, aus dem Dunkel ins Helle und wieder in das Dunkel gleitend». Und so dreht sie sich bis heute. Noch immer leiden die Badewärter aller Länder an roten Köpfen, cholerischen Ausbrüchen und soldatischer Ordnungsliebe. Nicht nur Sigmund Korbach schwimmt sich unter Mühen frei. Und wenn die Erwachsenen – ganz gleich ob 1935 oder 1995 – lauthals frohe Feste feiern, geschieht es weiterhin, dass aufgestörte Nachtschläfer aus ihren Gitterbetten kriechen und die Gläser der Zecher leeren.

Abgesehen von solchen generationsübergreifenden Kindheitsmustern prägt vor allem die historische Situation Kempowskis Erinnerungsbuch. Da schwärmt zum Beispiel die Familie Korbach an einem Wochenende in die Vorstadtwiesen aus. Am Fuss der Eisenbahnbrücke hören sie den Sonderzug aus Berlin vorüberdonnern und sehen die Lokomotive mit flatternden Fähnchen bestückt. «An den Fahnen ist zu erkennen, dass in diesem Wagen der Mann sitzt, dem die Heimat so vieles verdankt», schreibt Kempowski, die Rede der Eltern ironisch imitierend. Und wenn er orakelnd hinzufügt, dass über die Ausflügler am Brückenfuss «das Heil hinweggegangen ist», bleibt er zwar seinem Bild im wahrsten Sinne des Wortes verbunden. Die Doppeldeutigkeit seiner Aussage jedoch kündet nahendes Unheil an.

Mit Hilfe dieser sibyllinischen Schreibmethode dunkelt der Autor die helle Welt seiner Kindheit ein. In seinem Buch der Andeutungen unterlegt er mit grauer Folie, was auf den ersten Blick so tröstlich gestrig und überschaubar provinziell erschien. Hinterrücks pflanzt er düstere Visionen im Kopf des Lesers ein.

Parallel zur Schilderung eines beginnenden Lebenslaufs ist hier eine subtile Chronik des sich ankündigenden Todes entstanden. Mitunter spürt Sigmund Korbach – ganz und gar kindgerecht – wohl den Schabernack im Nacken. Aber die unerfüllte Sehnsucht nach Freundschaft, das unüberhörbare Kriegstreiben, das Absterben von Beziehungen und das Seelenzwicken in mondloser Nacht überschattet den unbekümmerten Aufbruch in die Zukunft.

Nur dann und wann hüpft eine Blechmenagerie über den Küchentisch der Familie Korbach. Hühner picken, Äffchen quieken, Mäuse fiepen. Wie aufmunternde Refrains gegen die Erdenschwere verquickt Kempowski seine Exkurse über das Spielzeug von damals mit seinem «Weltschmerz»-Szenario. So bringt er dem Leser mit Hilfe seines kleinen grossen Buches das Schweben über dem Abgrund bei.

Christiane Schott -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Walter Kempowski hat in dieser Sammlung glänzende Prosaminiaturen die Erinnerungsplitter einer Kindheit zusammengetragen. Sie fügen sich zusammen zu der sehr subjektiven Biographie eines Jungen, der in den dreißiger Jahren in einer norddeutschen Kleinstadt aufwächst. In gestochen scharfen Bildern entsteht eine versunkene Welt: der behütete Innenraum einer Familie, die Landschaft eines bürgerlichen Interieurs mit Spielzeug, Mobiliar und Gegenständen, die längst aus unserem Alltagsleben verschwunden sind, mit Sonderlingen, mit Straßenszenen und Begegnungen. Zwischen Geborgenheit und leisen Verstörungen formt sich ein empfindsames, leicht verletzliches Ich, dessen Spuren der Autor, vergleichbar einem Archäologen, Schicht um Schicht offenlegt.


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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen ... die schlechteste aller denkbaren Welten?, 26. September 2004
Von 
Ulf Evers (Wattenbek) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Weltschmerz: Kinderszenen fast zu ernst (Taschenbuch)
Auf der Rückseite des Umschlages werden Hinweise zum Titel gegeben und der Leser ahnt, daß er beim Lesen in die älteste Zwickmühle, die zwischen Gut und Böse, geraten könnte.

Es geht in diesem Buch auch um die Frage, ob die Welt in der wir zu leben haben, die beste aller denkbaren Welten ist oder die schlechteste.

Der Untertitel "Kinderszenen fast zu ernst" deutet auf Robert Schumann; die Art, wie das Buch geschrieben ist, läßt an die "Berechnungen I" von Arno Schmidt denken.

Kempowski läßt den Leser in das Fotoalbum von Sigmund blicken. In diesem Album befinden sich 99 Fotografien einer Kindheit zwischen den Kriegen (ca. 1925 - 1935).
Der Vater zeigt seinem Sohn Verletzungen aus dem letzten Kriege und neues Unheil ist spürbar. Spürbar nicht nur, weil der Leser weiß was folgte. So erhält z.B. das Einsortieren einer Briefmarke, auf welcher die "Gustloff" abgebildet ist, für den interessierten Leser eine ganz andere Bedeutung, als sie es für Sigmund und seine Eltern haben konnte. Dieser Schleier des Wissen-was-daraus-geworden-ist legt sich über viele Bilder, aber die Bilder enthalten auch Zeichen, die dem der sehen konnte, auch verrieten, wo die Reise hinging.
Ob es um den spurlos verschwundenen Herrn Gillinger, marschierende Soldaten, neue Kragenspiegel zum Sammeln oder den flüsternd von Schrecklichkeiten berichtenden Tapezierer geht - der Weg war vorgezeichnet.

Offen bleibt die Ausgangsfrage; ich beantworte sie für mich dahingehend, daß es darauf ankommt, heute die Zeichen zu sehen, etwas zu tun und nicht die Augen zu schließen.

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3 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Nostalgische Kinderszenen, 4. Juli 2005
Rezension bezieht sich auf: Weltschmerz: Kinderszenen fast zu ernst (Taschenbuch)
Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, nach denen die Wortanzahl in den Sätzen deutscher Schriftsteller mit zunehmendem Alter stetig geringer wird.

Bei Walter Kempowski - und auch in diesem Buch - macht sich diese vermeintliche Tendenz auf eine andere Art bemerkbar. Der Leser hält etwa 150 Seiten in seinen Händen, die sich nicht in die gängigen Genres (Roman, Novelle, Kurzgeschichte, Tagebuch, Aphorismen usw.) einfügen wollen.

Etwa 100 kurze melancholische Episoden aus der Erinnerung des Sigmund - unverkennbar das Alter ego Walter Kempowskis - vermitteln dem Leser ein Bild einer längst untergegangenen (sic!) Welt.

Doch nur die Leser fortgeschrittenen Lebensalters werden in der Lage sein, bestimmte Fragmente wiederzuerkennen und sich nostalisch schauernd im Alkoven zu schubern, um sich hie und da eine Zähre verschämt aus dem Augenwinkeln zu wischen. Kempowskis unbestritten unvergleichliche Erzählkunst gleitet für manchen denn doch zu häufig ab in selbstmitleidige Larmoyanz, so auch gerade in diesem Buch.

Allen anderen jüngeren Lesern wird sich dieses Büchlein ähnlich wenig erschließen wie der Besuch im Heimatmuseum, das Siegfried Lenz sinnbildlich abbrennen lässt, dessen verkohlten Reste ein Kempowski aber noch zu archivieren müssen glaubt.

Dennoch, wer's mag, mag's mögen!

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