Weltreligion Islam. Eine Einführung. Karl-Heinz Ohlig. Mainz 2000
Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf der "Entstehung" des Koran, dem Leben des Propheten Muhammad und der Geschichte des frühen Islam (knapp 200 Seiten). Der späteren Geschichte des Islam gelten ca. 60 Seiten, ganze sechs Seiten dem Rechtssystem, die Wissenschaft wird auf kläglichen 2 1/2 Seiten abgehaspelt, knapp 30 Seiten befassen sich mit Philosophie und Theologie. Von der Mystik im Islam handeln 60 Seiten, die jedoch Ulrike Stölting verfaßt hat und die erstaunlicherweise auf dem Einband nicht genannt wird.
Die "Einführung" wendet sich an Fachleute ( wer immer sich dafür hält) und an "allgemein Interessierte". Was denen über die Religion mitgeteilt wird, hat wiederum mich interessiert. Ich dachte an Menschen, die beruflichen oder privaten Umgang mit Muslimen haben wie Lehrer, Arbeitskollegen, Nachbarn, Mitglieder von Kirchengemeinden. Sie können sich jedoch leider keinerlei Auskünfte erhoffen. Religion und Kultur der Muslime werden als bekannt vorausgesetzt. Identität und kulturelles Gedächtnis der Muslime interessieren Ohlig nicht. Er schreibt vielmehr in einer Art und Weise über den Koran und das Leben des Propheten Muhammad, Angelpunkte im Leben von Muslimen, daß wohl keiner seinen Glauben und seine religiöse Praxis wiedererkennt. Es geht Ohlig auch gar nicht um ein Verstehen - es geht ihm vielmehr darum, nicht-muslimischen Lesern vom Katheder herab zu zeigen, wo es nach seiner Meinung zum rechten Umgang mit dem Koran langgeht. Dazu sollte man wissen, daß der Autor, Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik, bei der Auseinandersetzung mit dem Christentum dazu gekommen ist, daß "die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes" "als eine kulturgeschichtliche Gestalt des christlichen Glaubens unter anderen gelten und nicht länger normativ sein soll".(Karl-Heinz Ohlig, "Ein Gott in drei Personen?" 1999, s. dazu aufschlußreiche amazon-Rezension von burghart22).
Die zugrunde gelegte Methode hat er eins zu eins auf den Islam übertragen. Entgegen der Überzeugung der Muslime und dem Konsens der westlichen Koranforschung, daß der Koran Muhammad offenbart wurde, stellt er dies, gestützt auf eine Minderheit, in Frage. (S. 45f.) Letztere wird vielfach mit dem "neuesten Stand der Forschung" verwechselt, daran muß sich der Leser stets erinnern. Der Text der ersten Sure, meint Ohlig, könne seiner Eigenart nach kaum von Muhammad stammen oder auch nur von Anfang an zum Koran gehört haben, weil er ein Gebet ist, die anderen Suren seien Offenbarungsreden.(S. 43).Man staunt. Oder "Die These, daß der gesamte Koran in allen seinen Texten historisch auf Mohammad zurückgehe, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten."(S. 59)Wer hier nun als Christ ein leichtes Gefühl des Triumphes in sich aufsteigen fühlen mag ob dieser "Demontage" des Koran und die Konsequenzen für die mehr als 1,3 Milliarden Muslime, erinnere sich an die Geschichte mit der Trinität (s.o.)!
Zwei Koranzitate habe ich nachgeprüft: Den "Vorbemerkungen" Ohligs ist der Koranvers vorangestellt "Aber sie (Ungläubige) haben kein Wissen darüber. Sie gehen nur Vermutungen nach. Aber Vermutungen helfen hinsichtlich der Wahrheit nichts." Ungläubige mag mancher eifrige Medienkonsument auf "Christen" beziehen. Aber hier ist nicht sinnvoll zitiert worden, denn durch den unmittelbar vorausgehenden Koranvers wird deutlich, daß von Menschen die Rede ist, die nicht an das Jenseits glauben und deshalb Engel sicherlich als weibliche Wesen bezeichnen. Der irreführende Zusatz in der Klammer stammt von Ohlig selbst. Beim zweiten Koranzitat spricht Ohlig (S. 126) davon, daß bei Totschlag/Mord anstelle der Wiedervergeltung vielmehr "Blutgeld" verlangt werden könne. "Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und eine Barmherzigkeit". Ausgelassen hat Ohlig aber: "Der aber, dem von seinem Bruder verziehen wird, (zahle bereitswillig....")(Sure 2, Vers 178). Der nächste Angehörige des Opfers kann also durch Verzeihen die Tötung des Täters aufheben, und es wird lediglich eine Entschädigung ( sog. Blutgeld) fällig. Das biblische Aug' um Auge wird überwunden. Hoffentlich sind die übrigen Zitate zuverlässig!
Das Vertrackte an einem Buch wie diesem ist, daß man ein doppelt so umfangreiches schreiben müßte, wollte man Schiefes gerade rücken. Wer gewissermaßen im Hinterkopf behält, welche Position Ohlig gegenüber christlicher Lehre einnimmt, wird dieses Buch richtig einordnen können - wenn es ihn dann noch interessiert.