Also wirklich schmutzige Geheimnisse verrät der Sexualforscher in diesem Buch kaum. Er reist einfach um die Welt und interessiert sich dafür, wie das Leben funktioniert. Und zum Leben gehört dann sicher auch, wie Famillien entstehen, wie sich Pärchen bilden, wie es ist, wenn Kinder erwachsen werden und merken, dass mit dem Wachstum des Körpers sich auch die Gefühle ändern. Eigentlich ganz einfach und in den meisten Fällen eher interessant als spektakulär. Auch die Ausführungen zum homosexuellen Leben dürften niemanden mehr in Konflikte stürzen.
Spannend ist aber, dass in der Generation des Autors auch diese, für uns heute einfachen Fragen nur selten gestellt wurden. Hirschfeld berichtet hier über die Antworten und gibt auch die Informationsquellen an. Ein paar der Ergebnisse klingen heute etwas naiv, ein paar auch mittelalterlich und grausam (Beispiel: Witwenverbrennung), dass meiste gibt einen klugen Blick auf insgesamt konservative Gesellschaften wieder. Am Ende des Buches kamen mit persönlich die Menschen in völlig verschiedenen Kulturen doch recht ähnlich vor. Andere Namen für ähnliche Inhalte.
Ein interessantes Vorwort erläutert übrigens auch die Rezeption zur Lebenszeit des Autors, damals ging man mit diesen Informationen ganz anders um. Hier wurde Hirschfeld schnell zum Opfer des deutschen Ungeistes, der hier natürlich Abweichung witterte.
Die Aufregung darüber, dass Hirschfeld den Islam als sehr sinnenfreudig beschreibt, kann ich nicht verstehen. In Europa gelten die tief-katholischen Italiener auch nicht gerade als Unschuldslämmer. Auch hier sehe ich eher Paralellen als Überraschungen.
Das Schöne an Hirschfeld ist, er schreibt kurz, lebendig und daher aus unserer Sicht modern, das alles ist sehr flüssig lesbar, wenig wissenschaftlich. Der Band entspricht dem üblichen Qualitätsstandard der Reihe bei Eichborn - zusammengefasst ein schönes Buch zur Entspannung und Bildung. Kein Drama.