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Uwe Pörksens «Philosophie der Visiotype»
Nehmen wir zum Beispiel die «Doppel-Helix». Seit James D. Watson und Francis H. Crick 1953 vorschlugen, mit diesem Modell die Struktur des DNS-Molekülfadens zu symbolisieren, der die Erbinformation trägt, hat sie eine Karriere erlebt wie sonst in diesem Jahrhundert nur noch das Atommodell. Die spiralförmig verschlungene Doppelwindung, zentriert um eine imaginäre Achse, stabilisiert durch die Stufen einer genetischen Wendeltreppe, erfüllt alle Wünsche, die man an ein wissenschaftliches Modell haben kann. Sie stellt einen komplexen wissenschaftlichen Sachverhalt anschaulich und einfach dar. Schönheit und Eleganz zeichnen sie ebenso aus wie Ordnung, Präzision, Transparenz. Und so findet sie inzwischen weltweit Anwendung, biotechnologisch, bioindustriell.
Suggestionen
Im Laufe dieser steilen Karriere gehen freilich von ihr Suggestivwirkungen aus, die sie anfangs als wissenschaftliches Modell noch nicht hatte. Das Bewusstsein, dass es sich um eine vereinfachende idealisierende Darstellung handelt, geht verloren: die «Doppel-Helix» wird zum zweifelsfrei etablierten Modell. Ihre Struktur wird für die Sache selbst genommen. «Sie ist zu schön, um unwahr zu sein.» Die auf- und abwärts führenden Pfeile, mit denen Watson und Crick ihre Figur noch versehen hatten, weichen einer eindeutigen Bewegungsrichtung nach oben. Seitdem ist im Zeichen der «Doppel-Helix» der Fortschritt garantiert. Ja, sie wird zur wahren Himmelsleiter, auf der sich eine von Wissenschaft und Wirtschaft einträchtig betriebene Genforschung und -technologie nun gut, wohin am Ende, das weiss man naturgemäss noch nicht, auf jeden Fall aber aufwärts bewegt. Kurz: Aus einem wissenschaftlichen Modell ist ein Wirtschafts-, ein Technik-, ein «Sozialwerkzeug» geworden, das die ganze Autorität der Wissenschaft geniesst.
Das Buch, das die Karriere und die Probleme der «Doppel-Helix» und zahlreicher anderer Modelle instruktiv analysiert, ist eine Pionierarbeit. Es versucht, einen immer dominanter werdenden, aber bisher kaum untersuchten Bereich der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kommunikation mit sprachwissenschaftlichen und -philosophischen Mitteln präzise zu erfassen und zu kritisieren. Dass es seinem Verfasser, dem Freiburger Germanisten Uwe Pörksen, nach seinen weithin bekannt gewordenen «Plasticwörtern», der Kritik an sprachlichen Stereotypen der Gegenwart, nun um eine massive «Bildkritik» der «Schlag-, der Schlüsselbilder» geht, ist unverhohlen. Das gibt dem Buch neben seiner analytischen Brillanz seine Schärfe.
Intendiert ist nichts Geringeres als eine Kritik der visualisierenden, der visierenden Vernunft, eine aktualisierende Fortschreibung der Idolkritik Francis Bacons, aber anders, als Bacon sie sich gedacht hatte: als Kritik an den Idolen der Wissenschaft, der «idola scientiae». Gegenstand ist das, was Pörksen mit einem neuen Kunstwort analog dem Stereotyp das «Visiotyp» nennt. Gemeint sind standardisierte Veranschaulichungen, eine bestimmte Art des visuellen Zugriffs auf die Realität mittels Diagrammen, Zahlenbildern und Figuren, Kurven und Modellen, ein Denk- und ein Darstellungsstil.
Neuland
Der Titel «Weltmarkt der Bilder» ist freilich zu unspezifisch, um zu bezeichnen, worum es Pörksen primär geht: um die Bedeutung der Visiotypen in der Wissenschaft, bei den Experten und in einer beiden hörigen Öffentlichkeit. Die hauptsächlichen Bilderproduzenten der Welt von heute im allgemeineren Sinn: die Reklame, die Medien, das Design, bleiben am Rande, obwohl Pörksen auch dem Daimler-Stern einige Aufmerksamkeit widmet und zu Recht überzeugt ist, dass sich immer weniger eine Grenze zwischen den «Images» und den «Sachen selbst» wie zwischen Wissenschaft und Verwertung ziehen lässt. Die Dinge existieren nur noch als «designierte» bildliche Bedeutungsträger, mit gebrauchswertfernen Versprechungen, wie sie der entfesselte Selbstlauf einer alles besetzenden Ökonomie produzieren muss, wenn diese ihre Überproduktion an die Frau und den Mann bringen will.
Das Buch ist nicht immer einfach zu verstehen: weil es in Neuland vorstösst. Aber die Leser brauchen trotz den abschreckenden Visiotypen keine linguistischen Fremdwortkaskaden zu fürchten. Pörksen schreibt meist sehr anschaulich. Diverse Vor-, Zwischen- und Nachspiele, denen man den Schriftsteller anmerkt, halten seine Argumentation lebendig und elastisch. Seine Fähigkeit, provozierende Zusammenhänge auf einen lakonischen Begriff, eine diabolisch hinkende Metapher zu bringen, ist in seinen Fachkreisen selten genug zu finden.
Was es bedeutet, wenn die Visiotype eine immer beherrschendere Rolle spielen, zeigt Pörksen eindringlich im Kontrast zur Sprache der Worte. Ihr Nachteil und ihr immenser Vorzug liegt darin, dass sie ein Distanzmedium ist. Zwischen Lautform, Wortvorstellung und der bezeichneten Sache wie zwischen Sprecher und Hörer oder Leser klafft eine unübersehbare Distanz. Man läuft nicht so schnell Gefahr, einen Satz für die Wirklichkeit, ein Urteil für die Wahrheit der Sache zu halten. Anders die Visiotype. Das ihnen innewohnende Versprechen ist das einer aufgehobenen Distanz. Sie scheinen bis zur Verwechselbarkeit nahe an den Objekten, obwohl auch sie, gerade sie keineswegs das Abbild der Sache, sondern zugleich Bild und Abstraktion, «zweite Anschauung» sind. Die «Doppel-Helix» ist dann unversehens die Struktur der DNS.
Noch das wissenschaftlichste Visiotyp ist mit einem Nimbus, einem «Konnotat» ausgestattet, das sich paradoxerweise gerade aus seiner «Konnotatlosigkeit», seiner angeblich schieren Sachlichkeit nährt. Schlussfolgerungen ergeben sich wie von selbst. Was von einem Experten als Problem formuliert wird, drängt schon von sich aus unwiderstehlich auf seine Lösung. Daher die starke Zukunftsorientiertheit der meisten Visiotype, die aus linearen Diagrammkurven Zeitpfeile macht.
Gefährdete Gewaltenteilung
Die Kritik der visualisierenden, der visierenden Vernunft mündet in eine Kritik an der schleichenden Aufhebung einer Gewaltenteilung, die heute mehr denn je wichtig wäre, die zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Aber die Wissenschaft ist längst technik- und wirtschaftsförmig geworden. Und «die Industrie ruft nach den Ergebnissen, bevor sie da sind». Das schöne Wort «Drittmittelfinanzierung» suggeriert überholte Verhältnisse. So wird das Visiotyp das Logo dafür, dass zusammen ist, was nicht zusammengehört, weil es so keine demokratische Kontrolle mehr gibt.
Gegen diesen schwerwiegenden Generalverdacht liesse sich einiges einwenden. Zum Beispiel vernachlässigt Pörksen den legitimen wissenschaftsimmanenten Zwang zur Visualisierung. Je weiter sich die modernen Wissenschaften seit der Geburt der Quanten- und der Astrophysik aus dem Bereich des noch Anschaulichen herausbewegen, desto mehr brauchen sie und wir Veranschaulichung. Das Visiotyp ist die Kompensation für die unwiderrufliche Abstraktion, die Enteignung der Sinnlichkeit.
Zum Beispiel spricht öfters eine Art von bildkritischem Neoidealismus, von Bilderüberschätzung im Negativen aus dem Kritiker, so sehr er recht hat, dass sich die Kritik der Sachen und die der Bilder nicht mehr voneinander trennen lassen. Tut er aber dem Visiotyp nicht zuviel der Ehre an, wenn es um sehr viel massivere Kooperationen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft geht? Und warum bleiben in dieser Kritik bis auf die Tendenz zum Infotainment (mit einer expliziten, einer impliziten Kritik an Entwicklungen auch in dieser Zeitung) die fataleren, massenhafteren Bilderproduzenten von heute eher am Rande, die den Titel «Weltmarkt der Bilder» wirklich rechtfertigen würden?
Aber ein Pionierwerk wie dieses kann nicht alles tun und schon gar nicht allen gerecht werden. Mit Nachdruck und Überzeugungskraft eröffnet es eine neue Dimension öffentlicher Bildkritik als Teil der Selbsterhaltung demokratischer Öffentlichkeit.
Ludger Lütkehaus
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