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5.0 von 5 Sternen
Weltmacht USA. Ein Nachruf, 23. Februar 2003
Rezension bezieht sich auf: Weltmacht USA: Ein Nachruf (Taschenbuch)
Ich habe dieses Buch in der französischen Fassung gelesen. Es handelt sich um eine brilliante Analyse über die Wirtschaftslage und den gegenwärtigen Gemütszustand des Polit-Establishments in den USA. Todd untersucht und begründet weshalb die USA ihre globalen Hegemonialansprüche nur mit militärischen Mitteln durchsetzen können. Einem solchen Versuch prophezeit er jedoch das Scheitern, weil den USA die dazu notwendige Wirtschaftskraft fehlt. Seiner Meinung nach werden die USA zunehmend Mühe bekunden ihr Handelsbilanzdefizit zu finanzieren. Dadurch könnten die Verantwortlichen versucht sein, vermehrt auf Alleingänge und militärische Lösungsversuche zu setzen. Seine Thesen untermauert der Autor mit umfangreichen statistischen Unterlagen sowie anhand von Besonderheiten der angelsächsischer Kultur. Dabei enthält er sich jeglichem billigem Antiamerikanismus und er weiss die historischen Leistungen der USA durchaus zu würdigen. Todd, der selber der jüdischen Gemeinschaft angehört, zeichnet sich durch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aus, was unter anderem auch mit einer harten Kritik an der bedingungslosen amerikanischen Unterstützung der Politik Sharons in Israel sichtbar wird. Todd prophezeit Europa eine Emanzipation von den USA und zeigt neue Perspektiven europäischer Politik auf, welche sich jenseits gängiger Stereotypen und Ideologien bewegen. Eigentlich sollte sich jeder bedeutende europäische Politiker mit Todd's Visionen und Thesen näher befassen. Das Buch selber ist in verständlicher Sprache geschrieben. Für politisch interessierte Menschen sicher sehr lesenswert.
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88 von 99 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Prügel für die USA, 20. März 2003
Rezension bezieht sich auf: Weltmacht USA: Ein Nachruf (Taschenbuch)
Der französische Gelehrte Emmanuel Todd hat bereits 1976 in seinem Buch "La chute finale" (dt. "Vor dem Sturz - Das Ende der Sowjetherrschaft") den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhergesagt. Basis für seine Annahme bildete u.a. die Betrachtung der Entwicklung demographischer Entwicklung (z.B. zunehmende Säuglingssterblichkeit) und anthropologischer Eigenart (z.B. egalitäre Grundhaltung der slawischen Familien). Die Erforschung von Familienstrukturen und deren Implikationen für das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen ist ein Spezialgebiet Todds, der am Nationalen Institut für Demographische Studien in Frankreich arbeitet. Wie seinerzeit die Sowjetunion unterzieht er in "Weltmacht USA - Ein Nachruf" nun die gegenwärtigen Vereinigten Staaten von Amerika einer intensiven und schonungslosen Analyse, wobei er neben Demographie und Anthropologie auch Wirtschaftsdaten, politisches Geschehen sowie psychologische und kulturtypische Elemente als Untersuchungskriterien mit einbezieht. Das Buch umfaßt etwa 250 Seiten, und seine Lesbarkeit wird dank der schnell nachvollziehbaren Gedanken und stets klaren Sprache des Autors weiter erleichtert. Die Übersetzung ins Deutsche ist hervorragend gelungen, man kann den Übersetzern nur hohes Lob zollen. Amüsant ein kleiner Setzfehler - der Ostblock wurde zum "Obstblock" umgetauft. Die Grundthese dieser Studie ist, daß die USA dabei sind, ihren Status als "letzte verbliebene Supermacht" zu verlieren, weil sie die dafür erforderlichen militärischen, wirtschaftlichen und ideologischen Qualitäten nicht mehr aufbringen können. Die zunehmende Unberechenbarkeit und Aggressivität der Vereinigten Staaten wird als Zeichen ihrer zunehmenden Schwäche und als Frustreaktion auf ihre faktische wirtschaftliche Abhängigkeit von den sich beständig emanzipierenden Großmächten Europa und Japan gedeutet. Die gegenwärtigen USA werden als "räuberischer Staat" definiert, der selbst massive Industrie- und Außenhandelsdefizite aufweist, aber die Finanzen und Produkte aller anderen Staaten quasi wie ein Schwarzes Loch aufsaugt und seinen Reichtum im eigenen Land zu Lasten der Minderheiten und unteren Schichten ungerecht an eine superreiche antidemokratische Oberschicht umverteilt. Aufgrund eingehender Analyse verschiedenerlei Daten und Vergleiche mit historischen Weltreichen gelangt Todd zu der Überzeugung, daß sich die Vereinigten Staaten innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu einer Regionalmacht zurückbilden werden, während die EU im Bunde mit einem wiedererstarkten, aber zur Gutmütigkeit bekehrten Rußland gemeinsam mit Japan künftig das Weltgeschehen bestimmen wird. Folgt man diesen Prognosen, sind Europa und die USA im Begriff, voneinander abzurücken, beschleunigt durch die militärischen Abenteuer der letzteren Macht im Nahen und Mittleren Osten. Als unmittelbare Folge stehe eine Intensivierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich an, dem sich vielleicht auch Großbritannien anschließen werde. Gleichzeitig würden sich immer mehr Staaten von den USA ab- und Europa zuwenden. Todd bietet einige konkrete Vorschläge, wie man dieser zwangsläufigen Entwicklung angemessen begegne: Er erwähnt die Errichtung einer protektionistischen europäischen Handelspolitik, mehr Rücksichtnahme auf nationale Eigenarten, die Neudefinition, Verlegung oder Neugründung internationaler Organisationen sowie die früher oder später notwendig erscheinende sicherheits- und energiepolitische Ausrichtung auf Rußland. Genau in solcherlei unbekümmerten Spekulationen liegt meines Erachtens eines der Probleme dieses Buches, denn es suggeriert - vielleicht unabsichtlich - daß die Welt einem permanenten Friedenszustand entgegenstrebt, der nach einigen mittelstarken Erschütterungen im Nahen Osten und anderen Weltgegenden und der "Befriedung" des neuen Sorgenkindes USA quasi automatisch eintreten wird. Die politische Sprengkraft des israelisch-arabischen Konflikts und die potentielle Bedrohung Europas durch die terroristischen Auswüchse des islamischen Fundamentalismus werden nicht als solche aufgeführt; das noch gefährlichere und bislang ungelöste Problem der Proliferation von Massenvernichtungswaffen wird erst gar nicht erwähnt. Ein anderer Schwachpunkt ist die nebelhafte Verwendung des Begriffs "Oligarchie", die die Demokratie frei nach Aristoteles teilweise oder ganz ablösen soll. Todd definiert die Oligarchie als Bildungselite, eine wohlhabende Führungsschicht, die ihm geradezu als Synonym für die Mißstände der heutigen USA und als Bedrohung der egalitären amerikanischen Gesellschaftsform dient, während er im Falle Europas die hiesigen oligarchischen Tendenzen anscheinend als keine grundlegende Gefahr erachtet. Ich habe Emmanuel Todd neulich in einem Fernsehinterview gesehen und war von seiner offensichtlichen hohen Auffassungsgabe und eigenständigen Denkweise beeindruckt. Daraufhin habe ich das Buch gekauft und gelesen. Selbst jüdischer Abstammung, weicht er der empfindlichen Problematik der Palästinafrage keineswegs aus, sondern zieht mit der israelischen Besatzungspolitik hart ins Gericht und wirft den USA Unterstützung dieser Ungerechtigkeit vor. Todds Grundhaltung ist durch und durch die eines Realisten und Optimisten. Allerdings läßt er keine Gelegenheit aus, um unaufhörlich über die erblickten Mißstände und Dekadenz der USA herzuziehen. Diese Einseitigkeit in der Wahrnehmung der USA wirft den Verdacht auf, daß er der Versuchung erliegt, auf der anderen Seite die positiven Zukunftsaussichten eines friedlichen und wohlständischen Europas überzubewerten. Zum Zwecke gesunder Ernüchterung empfiehlt es sich, der Frankophilie und dem Europaoptimismus Todds die Warnungen pessimistischer Realisten vom Schlage Peter Scholl-Latours gegenüberzustellen, der gleichwohl mit Todd viele Ansichten teilt. Emmanuel Todds Vorstellungen haben angeblich erheblichen Einfluß auf die Politik Jacques Chiracs ausgeübt. Das Buch ist also nicht nur blanke Theorie, sondern steht in einem direkten Zusammenhang mit der aktuellen politischen Willensbildung und damit unser aller Zukunft. Trotz seiner erwähnten Schwächen verdient dieses Buch fünf Sterne und sei jedem politisch interessierten Zeitgenossen ZUR LEKTÜRE EMPFOHLEN.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Nachruf zu Lebzeiten, der zudem nicht besonders gut begründet ist, 5. Januar 2011
Es ist zwar interessant nach einigen Jahren ein Buch zu lesen, das mit den Kenntnisstand des Weltgeschehens bis zum Jahre 2002 geschrieben wurde und nach eigenem Bekunden einen Nachruf auf die Weltmacht USA darstellen soll, doch es wäre nicht fair, einen solchen Text mit dem heutigen Wissen zu beurteilen. Deshalb will ich das auch nicht tun. Dennoch muss ich gestehen, dass ich auch mit dem bis 2002 begrenzten Wissen nicht ganz verstanden habe, wie der Autor seinen etwas vorschnellen Nachruf begründet. Damals stand der von der Bush-Administration angezettelte Irak-Krieg gerade bevor, und der Autor sah in diesem Krieg den Anfang vom Ende der Führungsrolle der USA. Insbesondere ließ ihn die Einigkeit zwischen Deutschland und Frankreich in der Ablehnung dieses Waffengangs euphorisch von einer neuen Rolle Europas träumen. Diese beiden in der ziemlich langen Einleitung diskutierten Gedanken zeigen Zweierlei. Erstens muss man sich beim Lesen dieses Buches auf viel französisch geprägtes Wunschdenken einstellen. Und zweitens hat der Autor, obwohl er Historiker ist, merkwürdig beschleunigte Vorstellungen von der Zeitdimension eines solchen Machtverlustes. Die folgenden Kapitel machen dann deutlich, dass das ganze Buch etwas konfus geschrieben ist und der Autor darüber hinaus ungewöhnliche und einseitige Argumente benutzt, um seine These aus dem Titel des Werkes zu begründen. Bereits im ersten Kapitel ("Der Mythos vom weltweiten Terrorismus") wird man mit dem Argument konfrontiert, dass der aggressive Islamismus historisch gesehen nichts Neues ist. Auch das Christentum durchschritt vor geraumer Zeit solche Phasen, erfahren wir. Mit sinkender Geburtenrate und einer hohen Alphabetisierungsquote in den islamischen Ländern würde sich das schließlich irgendwann von selbst geben. Diese Argumentation überrascht ein wenig, zumal sie auch für den Zusammenbruch des Kommunismus herhalten muss. Obwohl der Autor in einem anderen Buch mit ähnlichen Begründungen den Untergang des sowjetischen Imperiums vorausgesagt hatte, muss das noch lange nicht bedeuten, dass seine Argumentation auch richtig ist. Ganz im Gegenteil, sie war in diesem Zusammenhang völlig falsch. Der Autor ist nicht nur Historiker, sondern auch in demographische Scheinkausalketten so verliebt, dass er nicht bemerkt, wie die wirklichen Zusammenhänge sich darstellen. Es sind doch vor allem ökonomische Gründe, die zu einer niedrigen Geburtenrate und einem relativ hohen Bildungsstand führen. Und es werden auch ökonomische Gründe sein, die die USA aus ihrer einstigen Führungsrolle drängen werden. Doch leider geht Todd darauf nicht besonders ein. Was er insgesamt jedoch beschreibt, ist durchaus zutreffend, nämlich: (1) Die USA fürchten zu Recht, dass sich der eurasische Kontinent von seiner politischen und ökonomischen Spaltung erholt, zusammenwächst und wirtschaftlich erstarkt. Nur so kann man ihre besonders unter der Bush-Administration betriebene Umzingelungspolitik gegenüber Russland erklären. Sollte sich Eurasien tatsächlich in dieser Weise entwickeln, werden es die USA sehr schwer haben, ihre Weltmachtposition aufrecht zu erhalten. (2) Die USA haben sich militärisch schon lange völlig überdehnt. Sie sind trotz ihrer vermeintlichen militärischen Stärke, die Unsummen kostet, nicht in der Lage, Kriege gegen viel schwächere Gegner zu gewinnen, wenn sie dazu Bodentruppen einsetzen müssen. (3) Die USA sind nicht mehr fähig, auf breiter Front konkurrenzfähige Produkte herzustellen. Sie sind deswegen extrem bei anderen verschuldet. Beides zusammen verschärft die beiden vorher genannten Probleme. Die vermeintliche wirtschaftliche Stärke der USA beruht nicht auf einer realen Güterherstellung, sondern vor allem auf finanztechnischen Scheingewinnen. Was der Autor zwar andeutet, was aber zur Zeit der Niederschrift dieses Buches noch nicht in dieser Deutlichkeit wie heute für alle sichtbar war, ist der der Niedergang des US-Dollars. Ein Währungsverfall ist immer ein untrüglicher Vorbote eines heftigen politischen Einflussverlustes. Fazit. Ein zwar interessantes, aber lange nicht so spektakuläres Buch, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Vor allem verwirren die Argumentationsketten des Autors, die fast ausschließlich demographischer oder soziokultureller Natur sind. Doch diese Erscheinungen haben ökonomische Ursachen, die der Autor allerdings links liegen lässt, obwohl sie die eigentliche Kausalität beschreiben. Außerdem beruhen einige der in diesem Buch niedergeschriebenen Prognosen auf einem gewissen Wunschdenken. Die Rolle Chinas wird völlig unterschätzt, die Stärke Russlands überschätzt.
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