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Seine provokante These vom Niedergang der "Weltmacht USA" unterfüttert der Autor mit einigen, teils durchaus überzeugenden Beobachtungen. Der Franzose verweist beispielsweise auf das immense Defizit in der amerikanischen Handelsbilanz: Die Vereinigten Staaten importieren ein Vielfaches von dem, was sie exportieren. Sie sind, mit anderen Worten, wirtschaftlich stark vom Ausland abhängig -- und damit verwundbar. Auch politisch würden die USA nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr als Schutzmacht gegen den Kommunismus gebraucht. Aus dieser tiefen Verunsicherung heraus resultiert nach Ansicht Todds der "theatralische Militarismus" der USA: Mit Angriffen auf schwache Gegner wie Afghanistan oder den Irak wolle Washington eine Stärke demonstrieren, die es de facto längst verloren habe.
Todd betont immer wieder, dass er sich nicht zum Lager der Antiamerikaner zählt. Und er gibt sich alle Mühe, seine Argumente wissenschaftlich zu begründen, oft mit recht ausufernden Theoriegebäuden. Gleichwohl sind Todds Thesen zuweilen holzschnittartig. In der Zeit zwischen 1950 und 1990 stilisiert er die USA zum "gütigen Hegemon", ja sogar zum "Reich des Guten". Umgekehrt hätten die Vereinigten Staaten heute das "Lager der Gerechten" verlassen. Beide Zuschreibungen sind sprachlich wie inhaltlich platt. Und die "Rede vom weltweiten Terrorismus" mag den USA zwar gelegen kommen -- eine Erfindung Washingtons, wie von Todd unterstellt, ist die Terrorgefahr aber ganz sicher nicht.
Fazit: Streitschriften dürfen überspitzen und provozieren. Und deshalb ist Todds Buch ein lesenswerter und zur Diskussion herausfordernder Beitrag zu einer wichtigen Debatte, die uns alle angeht. --Christoph Peerenboom
Seine Thesen untermauert der Autor mit umfangreichen statistischen Unterlagen sowie anhand von Besonderheiten der angelsächsischer Kultur. Dabei enthält er sich jeglichem billigem Antiamerikanismus und er weiss die historischen Leistungen der USA durchaus zu würdigen.
Todd, der selber der jüdischen Gemeinschaft angehört, zeichnet sich durch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aus, was unter anderem auch mit einer harten Kritik an der bedingungslosen amerikanischen Unterstützung der Politik Sharons in Israel sichtbar wird.
Todd prophezeit Europa eine Emanzipation von den USA und zeigt neue Perspektiven europäischer Politik auf, welche sich jenseits
gängiger Stereotypen und Ideologien bewegen. Eigentlich sollte sich jeder bedeutende europäische Politiker mit Todd's Visionen und Thesen näher befassen.
Das Buch selber ist in verständlicher Sprache geschrieben. Für politisch interessierte Menschen sicher sehr lesenswert.
Wie seinerzeit die Sowjetunion unterzieht er in "Weltmacht USA - Ein Nachruf" nun die gegenwärtigen Vereinigten Staaten von Amerika einer intensiven und schonungslosen Analyse, wobei er neben Demographie und Anthropologie auch Wirtschaftsdaten, politisches Geschehen sowie psychologische und kulturtypische Elemente als Untersuchungskriterien mit einbezieht.
Das Buch umfaßt etwa 250 Seiten, und seine Lesbarkeit wird dank der schnell nachvollziehbaren Gedanken und stets klaren Sprache des Autors weiter erleichtert. Die Übersetzung ins Deutsche ist hervorragend gelungen, man kann den Übersetzern nur hohes Lob zollen. Amüsant ein kleiner Setzfehler - der Ostblock wurde zum "Obstblock" umgetauft.
Die Grundthese dieser Studie ist, daß die USA dabei sind, ihren Status als "letzte verbliebene Supermacht" zu verlieren, weil sie die dafür erforderlichen militärischen, wirtschaftlichen und ideologischen Qualitäten nicht mehr aufbringen können. Die zunehmende Unberechenbarkeit und Aggressivität der Vereinigten Staaten wird als Zeichen ihrer zunehmenden Schwäche und als Frustreaktion auf ihre faktische wirtschaftliche Abhängigkeit von den sich beständig emanzipierenden Großmächten Europa und Japan gedeutet.
Die gegenwärtigen USA werden als "räuberischer Staat" definiert, der selbst massive Industrie- und Außenhandelsdefizite aufweist, aber die Finanzen und Produkte aller anderen Staaten quasi wie ein Schwarzes Loch aufsaugt und seinen Reichtum im eigenen Land zu Lasten der Minderheiten und unteren Schichten ungerecht an eine superreiche antidemokratische Oberschicht umverteilt.
Aufgrund eingehender Analyse verschiedenerlei Daten und Vergleiche mit historischen Weltreichen gelangt Todd zu der Überzeugung, daß sich die Vereinigten Staaten innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu einer Regionalmacht zurückbilden werden, während die EU im Bunde mit einem wiedererstarkten, aber zur Gutmütigkeit bekehrten Rußland gemeinsam mit Japan künftig das Weltgeschehen bestimmen wird.
Folgt man diesen Prognosen, sind Europa und die USA im Begriff, voneinander abzurücken, beschleunigt durch die militärischen Abenteuer der letzteren Macht im Nahen und Mittleren Osten. Als unmittelbare Folge stehe eine Intensivierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich an, dem sich vielleicht auch Großbritannien anschließen werde. Gleichzeitig würden sich immer mehr Staaten von den USA ab- und Europa zuwenden.
Todd bietet einige konkrete Vorschläge, wie man dieser zwangsläufigen Entwicklung angemessen begegne: Er erwähnt die Errichtung einer protektionistischen europäischen Handelspolitik, mehr Rücksichtnahme auf nationale Eigenarten, die Neudefinition, Verlegung oder Neugründung internationaler Organisationen sowie die früher oder später notwendig erscheinende sicherheits- und energiepolitische Ausrichtung auf Rußland.
Genau in solcherlei unbekümmerten Spekulationen liegt meines Erachtens eines der Probleme dieses Buches, denn es suggeriert - vielleicht unabsichtlich - daß die Welt einem permanenten Friedenszustand entgegenstrebt, der nach einigen mittelstarken Erschütterungen im Nahen Osten und anderen Weltgegenden und der "Befriedung" des neuen Sorgenkindes USA quasi automatisch eintreten wird. Die politische Sprengkraft des israelisch-arabischen Konflikts und die potentielle Bedrohung Europas durch die terroristischen Auswüchse des islamischen Fundamentalismus werden nicht als solche aufgeführt; das noch gefährlichere und bislang ungelöste Problem der Proliferation von Massenvernichtungswaffen wird erst gar nicht erwähnt.
Ein anderer Schwachpunkt ist die nebelhafte Verwendung des Begriffs "Oligarchie", die die Demokratie frei nach Aristoteles teilweise oder ganz ablösen soll. Todd definiert die Oligarchie als Bildungselite, eine wohlhabende Führungsschicht, die ihm geradezu als Synonym für die Mißstände der heutigen USA und als Bedrohung der egalitären amerikanischen Gesellschaftsform dient, während er im Falle Europas die hiesigen oligarchischen Tendenzen anscheinend als keine grundlegende Gefahr erachtet.
Ich habe Emmanuel Todd neulich in einem Fernsehinterview gesehen und war von seiner offensichtlichen hohen Auffassungsgabe und eigenständigen Denkweise beeindruckt. Daraufhin habe ich das Buch gekauft und gelesen.
Selbst jüdischer Abstammung, weicht er der empfindlichen Problematik der Palästinafrage keineswegs aus, sondern zieht mit der israelischen Besatzungspolitik hart ins Gericht und wirft den USA Unterstützung dieser Ungerechtigkeit vor.
Todds Grundhaltung ist durch und durch die eines Realisten und Optimisten. Allerdings läßt er keine Gelegenheit aus, um unaufhörlich über die erblickten Mißstände und Dekadenz der USA herzuziehen. Diese Einseitigkeit in der Wahrnehmung der USA wirft den Verdacht auf, daß er der Versuchung erliegt, auf der anderen Seite die positiven Zukunftsaussichten eines friedlichen und wohlständischen Europas überzubewerten. Zum Zwecke gesunder Ernüchterung empfiehlt es sich, der Frankophilie und dem Europaoptimismus Todds die Warnungen pessimistischer Realisten vom Schlage Peter Scholl-Latours gegenüberzustellen, der gleichwohl mit Todd viele Ansichten teilt.
Emmanuel Todds Vorstellungen haben angeblich erheblichen Einfluß auf die Politik Jacques Chiracs ausgeübt. Das Buch ist also nicht nur blanke Theorie, sondern steht in einem direkten Zusammenhang mit der aktuellen politischen Willensbildung und damit unser aller Zukunft. Trotz seiner erwähnten Schwächen verdient dieses Buch fünf Sterne und sei jedem politisch interessierten Zeitgenossen ZUR LEKTÜRE EMPFOHLEN.
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