Harald Müller, Leiter der renommierten Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), beweist in seinem neuesten Buch "Weltmacht Indien - Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert" einmal mehr sein untrügliches Gespür für brandaktuelle Themen. Wie bereits in "Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington" und "Amerika schlägt zurück. Die Weltordnung nach dem 11. September" führt er dem Leser fachkundig und auf eine angenehm lesbare Art und Weise die rasante Entwicklung des aus den dunklen Ecken seiner miserablen Wirtschaftslage hervortretenden Giganten Indiens vor Augen. Was das Erwachen eines zweiten asiatischen Riesen neben China für die Weltwirtschaft bedeutet und wie sich dieses Erstarken auf den Konkurrenzkampf um Ressourcen auswirkt, zeigt Harald Müller anhand einer fundierten Länderstudie auf, die sowohl auf die historischen, kulturellen und religiösen Grundlagen als auch auf (teilweise mit diesen Besonderheiten verbundene) politische Spannungsfelder verweist.
Dass Müllers Buch auch aus der Motivation heraus entstanden ist, sein früheres mangelndes Vertrauen in die indische Demokratie richtig zu stellen, merkt man an jenen Stellen des Buches, wo der Autor selbst das Gefühl zu haben scheint, ein 'Haken' müsse angesichts der erstaunlich positiven Entwicklung doch irgendwo versteckt sein. Letztlich identifiziert er diesen in der unterentwickelnden Infrastruktur des Landes und der nach wie vor hohen Kluft zwischen Arm und Reich, Stadt und Land und dem daraus resultierenden Stabilitätsrisiko' allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass auch die Entwicklung anderer Großmächte nicht ohne Stolpersteine und mit ausreichender Zeit abgelaufen sei.
So kommt er denn auch zu der Vorhersage, dass Indien schon bald seinen wohl stärksten Rivalen um die Position als kommende Weltmacht überholt haben wird, da es China gegenüber sowohl über ein institutionelles demokratische Gefüge als auch höherer Rechtsstaatlichkeit verfügt. Schwarzsehern, die den Aufstieg neuer Weltmächte vor allem als neuen Konfliktherd ausmachen, hält Müller seine Prognose entgegen, dass Indien zwischen den Rivalen China und USA eine Mittlerrolle einnehmen könne. Europa rät er, den Aufstieg Indiens ernst zu nehmen, auf diese Entwicklung zu reagieren und sie im eigenen Interesse zu begleiten ' andernfalls riskiere die ohnehin geschwächte europäische Gemeinschaft, sich zunehmend selbst zu marginalisieren.
Diese und andere Einschätzungen machen Müllers Buch vor allem für Studenten der Internationalen Politik zu einer wertvollen Lektüre, die sich auch dann mehr als auszahlt, wenn man sich noch nicht mit Indien beschäftigt hat oder dies unmittelbar beabsichtigt ' seine Beobachtungen und die Schlüsse, die er daraus zieht, stellen vielmehr ein grundlegendes Lehrstück dar, das Entwicklungspotenzial ehemals unbedeutender Akteure auf der Weltbühne nicht zu unterschätzen und sich die Fähigkeit, eigene Einschätzungen zu revidieren, zu bewahren.