Aus der Amazon.de-Redaktion
Die katholische Kirche erklärte die Lehren berühmter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler als Ketzerei, verb(r)annte deren Bücher und verurteilte die Autoren. Ein Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit, unchristlicher Anmaßung und fortschrittsfeindlicher Einstellung. Der Tübinger Historiker Peter Godman gibt sich mit dieser einfachen Sicht jedoch nicht zufrieden, in der die Opfer und Täter -- hier skrupellose Zensoren, dort unterjochte "Ketzer" -- feststehen. Als einer der ersten Wissenschaftler erforschte er 1998 das Geheimarchiv des Vatikans. Auf Grundlage dieser Studien kommt Godman zu einer Einschätzung, die klischeebeladenen Lesern den Atem stocken lässt. Jenseits des verbreiteten Betroffenheits-Jargons bezeichnet er die römische Zensur als eine "Tragikomödie".
Die Verbrennung Galileis soll also komödiantische Züge tragen, der Versuch, die Wahrheit mit Macht zu unterdrücken, soll neben aller Tragik auch humoreske Elemente haben? Eine auf den ersten Blick kühne Meinung, die Godman jedoch mit vielen Fakten glaubhaft belegt. Schließlich wirkt es im Rückblick wahrlich komisch, dass und wie die römisch-katholische Kirche Werke jener Autoren verketzerte, die heute zum weltweiten Bildungskanon gehören. Erasmus und Machiavelli, Pascal und Rousseau, Kant und Kopernikus, Darwin und Diderot -- sie alle fanden keine Gnade bei den päpstlichen Buchbeschauern der "Indexkongregation". Seit 1559 wirkte diese päpstliche Behörde, die "mit großem Eifer, aber schlecht organisiert und ohne ersichtliche Methode" ans Werk ging. Dogma und Dummheit vereinten sich zu peinlichen Prozess-Argumentationen, die am Ende unfreiwillig mehr gegen die Zensoren als gegen die Zensierten sprachen.
Meist trug die Zensur gar erst zur Verbreitung der inkriminierten Schriften bei, denn das Verbotene übt seit jeher einen besonderen Reiz aus. Godman ruft eine "Klasse von Opfern" ins Gedächtnis, die über dem Hauptkonflikt in Vergessenheit geriet: Jene kirchlichen Bibliothekare, die von der kirchlichen Zensur entsetzt waren, aus Loyalitätsgründen gegenüber ihren Glaubensbrüdern jedoch schweigen mussten. Das wichtigste Opfer der Zensur waren Godmann zufolge denn auch nicht die zensierten Autoren -- sie sind der Nachwelt schließlich noch immer im Gedächtnis. Das "wichtigste Opfer hieß Vertrauen". --Uwe Birnstein
Über den Autor
Peter Godman, geboren 1955 in Auckland, Neuseeland, ist nach Dozenturen in Oxford, Cambridge und Tübingen seit 2002 Professor für lateinische Philologie des Mittelalters und Geistesgeschichte an der Sapienzia in Rom. Obwohl bekennender Nichtgläubiger, bekam er bereits 1996 die Erlaubnis zur Recherche im Geheimarchiv des Vatikans. Peter Godman hat zahlreiche wissenschaftliche Bücher geschrieben, die international publiziert und ausgezeichnet wurden.