Alfred Brendel ist ein begnadeter Pianist, der sich zurzeit auf seiner Abschiedstournee befindet. Wenn er Gedichtbände schreibt, oder wenn er Kompositionen entwirft dann hat das immer stilistische Brillanz. In einem Wiener Antiquariat Alfred Brendel die Tagebücher Friedrich Hebbels entdeckt, die zweifellos zu den bedeutendsten der weltweit bekannten Tagebuch Literatur gehören. Der Vielleser Brendel war begeistert und ist tief in diese Tagebücher eingedrungen. Er hat die schönsten Stellen herausgegriffen ohne auf die Chronologie Rücksicht zu nehmen. Der überaus kluge Leser Brendel hat einerseits eine besondere Affinität zu prägnant-geistreich in Prosa formulierten Lebensweisheiten, andererseits zum Aberwitzigen und zum Schwarzen Humor. Bei Hebbel wurde er fündig und konnte die schönsten Stellen heraus kristallisieren und verdichten.
Es lohnt sich diesen etwas vergessenen Klassiker wieder zu entdecken. Gut, dass dieses Buch geschrieben wurde. Ich empfehle es mit Nachdruck und Leidenschaft, auch deshalb, weil es auf Grund der zahlreichen Interpretationsebenen die unterschiedlichsten Leseinteressen bedienen kann. Die Aphorismen haben das Leben von Friedrich Hebbels bestimmt, darin liegt auch der Erkenntnisgewinn des Lesers.